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Moers: Weidtmann-Orgel ist Hoerstgens Kleinod

Moers : Weidtmann-Orgel ist Hoerstgens Kleinod

In Hoerstgen befindet sich die älteste bespielbare Orgel im Originalzustand am Niederrhein. Sie ist die einzig vollständig erhaltene "Königin der Instrumente" der Ratinger Orgelbauerfamilie Weidtmann.

Anne Lubenow ist Organistin an der Hoerstgener Dorfkirche. Ihr Instrument ist die älteste bespielbare Orgel am Niederrhein, die noch im Originalzustand ist. "Sie ist nicht wohltemperiert wie ein Klavier. Tonarten, die zu viele Vorzeichen haben, lassen sich nicht darauf spielen, zum Beispiel fis-Dur oder fis-moll", sagt sie, aber: "Sie hat ihren eigenen Charakter. Ich liebe diesen Charakter, auf den ich mich einzustellen habe."

Nicht nur sie liebt diesen Charakter, der Arbeit abverlangt, weil sie als Organistin die Stücke auf die Orgel abzustimmen hat. Eingefleischte Orgelfreunde kennen die "Königin der Instrumente" in Hoerstgen. "Interessierte Gruppen aus ganz Deutschland kommen, um sich diese Orgel anzusehen und ihren Klang zu hören", berichtet die 54-jährige Organistin mit B-Examen, die seit 2002 am Pult der Hoerstgener Orgel sitzt.

Dabei zählt das Hoerstgener Pfeifenwerk zwar nicht zu den vier ältesten in Mitteleuropa, die währende der ersten Orgelbauergeneration zwischen 1457 und 1500 entstanden und erhalten sind: Die stehen in Rhysum bei Emden in Ostfriesland und in Sion nahe des Genfer Sees im Schweizer Kanton Wallis, in Kiedrich bei Rüdesheim im Rheingau und in Soest-Ostönnen. Aber sie gehört deutschlandweit zu den ältesten Instrumenten der zweiten Orgelbauergeneration, die vor gut drei Jahrhunderten aktiv wurde, nachdem Reformation und 30-jähriger Krieg vorüber waren. In dieser Zeit waren nur wenige Kirchen und Orgeln gebaut worden.

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Das Hoerstgener Instrument wurde von der Ratinger Orgelbauerfamilie Weidtmann hergestellt, die in den Niederlanden und am Niederrhein aktiv war. 1731 wurde sie von Thomas Weidtmann dem Jüngeren und seinen Handwerkern fertiggestellt. Dieser Orgelbauer hatte 1715 die Orgelbauerwerkstatt von seinem Vater Thomas Weidtmann dem Älteren übernommen, der sie 1675 gegründet hatte. Wie eine Rechnung im Hoerstgener Gemeindearchiv zeigt, wurde das Instrument am 31. August 1731 zum ersten Mal bespielt. "Sie ist deutschlandweit die einzige Weidtmann-Orgel im Originalzustand", erzählt die Organistin.

Die Traube, die in der Mitte der Orgel nachgeformt ist, ist ein Merkmal, das alle Prospekte der Weidtmann-Orgeln aufweisen, wie die markanten Pfeifentürme. Als vor zwei Jahrhunderten der klare und helle Klang der Barockorgeln unmodern wurde, ersetzten viele Kirchengemeinden ihr Pfeifenwerk. "Hoerstgen war eine arme Gemeinde und hatte dafür kein Geld", berichtet Annette Lubenow. Allerdings passte das Rheinberger Orgelbauunternehmen Tibus 1854 das Instrument an die romantische und dunklere Stimmung an. Diesen Umbau machten die Orgelbauer Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema aus Leer rückgängig, als sie das Instrument 1970 und 1971 restaurierten.

"Am besten klingen spanische und französische, englische und deutsche Barockstücke auf der Weidtmann-Orgel", erzählt Annette Lubenow. Dieselbe Meinung haben andere Musikkenner. Deshalb ist die Hoerstgener Dorfkirche ein Spielort unter anderem bei der Muziek Biennale Niederrhein, zu der der Kulturraum Niederrhein alle zwei Jahre in den Grenzraum von Niederlande und Niederrhein einlädt, zuletzt im Herbst des vergangenen Jahres. Das Kammermusikfestival Kloster Kamp hat mittlerweile auch die gotische Kirche mit ihrer Weidtmann-Orgel entdeckt. Im Spätsommer war das Festival dort zum ersten Mal zu Gast.

Dafür kommt der WDR nicht mehr, der Ende der 1990er mehrfach in Hoerstgen war, um den Klang der ältesten Orgel am Niederrhein aufzuzeichnen, berichtet Anne Lubenow. "Die Dorfstraße war abgesperrt", erinnert sich die Organistin, die 1994 in das Dorf zwischen Kamp und Sevelen zog.

"Das war sehr kompliziert, weil sie eine Landstraße ist, zu der nur einige Feldweg parallel laufen. Heute wäre das kaum noch möglich, obwohl Aufnahmen sehr schön wären", sagt sie.

(got)