Kamp-Lintfort: Schüler werden "Zweitzeugen" der Shoa

Kamp-Lintfort : Schüler werden "Zweitzeugen" der Shoa

Die Europaschule startet ein neues Projekt: Mädchen und Jungen sollen die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich wachhalten. Die Idee geht auf die Zeitzeugin Eva Weyl zurück.

"Ich will Euch zu Zweitzeugen machen, die die Geschichte weitergeben, wenn wir nicht mehr da sind." Eva Weyl, die 1935 in Arnheim geboren wurde, weil ihre Eltern Kleve nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verließen, gehört zu den wenigen, die den Holocaust, die Shoa, überlebten und heute noch leben, um davon erzählen zu können. "Aber wir sterben aus", betont die 83-jährige Amsterdamerin immer, wenn sie vor Schülern spricht, beispielsweise im Straelener, Klever oder - wie schon mehrfach - Kamp-Lintfoter Gymnasium. Ihre Idee, Zweitzeugen "auszubilden", die die Geschichte von Shoa-Überlebenden in der Erinnerung wachhalten, greifen mehr und mehr Schulen am Niederrhein auf, zum Beispiel jetzt die Gesamtschule Kevelaer-Weeze und die Europaschule Kamp-Lintfort.

Eva Weyl bei einem Besuch am Kamp-Lintforter Gymnasium im vergangenen Januar. "Wir sterben aus", sagt die Holocaust-Überlebende, die junge Menschen zu ihren "Zweitzeugen" machen möchte. Foto: crei (archiv)

Beide Schulen arbeiten dabei mit Sarah Hüttenberend vom Düsseldorfer Verein Heimatsucher zusammen, welcher die Geschichte von Shoa-Überlebenden aufschreibt und dokumentarisch festhält, etwa die von Eva Weyl. "Ihre Geschichte ist ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte", begründet Sarah Hüttenberend das Ziel ihres Vorhabens, das sie angelehnt an Eva Weyl "Zweitzeugen" nennt. "Die Heimatforscher tragen ihre Geschichte weiter. Es ist ja nicht mehr lange möglich, solchen Menschen zuzuhören." Dazu arbeitet dieser Verein mit jeder Schule ein eigenes Programm "Zweitzeugen" aus. "Wir haben das erste Treffen am 13. Juni", sagt Barbara Mennekes. "Im nächsten Schuljahr soll das Projekt beginnen"

Gestern stellte die Leiterin der Europaschule das geplante Projekt, das vor allem auf die neunten Klassen zielt, zusammen mit der didaktischen Leiterin Simone Floss sowie den Geschichtslehrern Damian Brendicke und Oliver Lessau vor. Mit dabei war außerdem Gabriele Coché-Schüer, Inhaberin des IT-Unternehmens Innos in Moers-Kapellen und Vorsitzende des Unternehmerinnen-Forums Niederrhein. Gibt das "Forum" doch 1000 Euro, um das Projekt in Kamp-Lintfort zu finanzieren, genauso wie das in Kevelaer. Das Geld kam durch die fünfte Frauenfilmnacht herein, zu der das "Forum" rund um den Weltfrauentag am 22. Februar ins Klever Kino "Tichelpark Cinemas" eingeladen hatte.

"Wir sind durch das engagierte Kollegium auf die Europaschule aufmerksam geworden", sagte Nina Kiesow, Forum-Unternehmerin aus Kleve. "Wir wollen ein Zeichen setzen, gerade heute, wenn reche Kräfte versuchen, Rassismus, Fremdenphobie und Europafeindlichkeit salonfähig zu machen."

Barbara Mennekes will das Projekt dauerhaft in der jungen Europaschule verankern, die in den nächsten Wochen die ersten Schulabgänger aus der zehnten Klasse entlässt. "Die junge Generation hat keine Verantwortung für die Shoa", sagt sie. "Aber sie hat eine Verantwortung dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt." Deshalb werde sich eine Finanzierung für die nächsten Jahre finden.

(got)