Schüler aus Kamp-Lintfort lebt mit verengter Aorta.

Notfall in Kamp-Lintfort: Physikstunde rettet Faris das Leben

Die 9a beschäftigte sich in Physik mit dem Thema Druck. Alle Schüler hatten Blutdruckmessgeräte für den Selbsttest mitgebracht – auch Faris Ibrahimovic. Seine Messung ergab alarmierend hohe Werte. Ärzte fanden die Ursache.

Auf die Frage nach seinem Lieblingsfach kommt die Antwort prompt: „Sport“, sagt Faris, am liebsten Fußball beim TuS Fichte Lintfort. Dort trainiert er dreimal in der Woche. Umso schwerer fällt dem Gymnasiasten das absolute Trainings- und Sportverbot, das ihm die Ärzte im Herzzentrum Duisburg auferlegt haben. Faris hat dramatische Wochen hinter sich: Die Mediziner in Duisburg haben dem 14-Jährigen in einer viereinhalbstündigen Herzkatheter-OP einen Stent setzen müssen. „Faris‘ Aorta, die Hauptschlagader, war von Geburt verengt, an einer Stelle war sie weniger als einen Millimeter groß“, berichtet seine Mutter Alma Ibrahimovic und mag sich gar nicht ausdenken, was ihrem Sohn hätte passieren können. „Er hat 14 Jahre lang damit gelebt. Es wurde bis dahin bei keiner Untersuchung festgestellt.“ Faris‘ Glück: eine aufmerksame Lehrerin und ein Selbstversuch im Unterricht. Im Physikunterricht behandelten die Schüler das Thema Kräfte und Druck.

„Frau Seidel, unsere Lehrerin, hatte uns gebeten, Blutdruckmessgeräte von Zuhause mitzubringen“, erzählt Faris, der die 9a des Georg-Forster-Gymnasiums besucht. „Ich fand, dass man das Thema am Beispiel des eigenen Körpers gut veranschaulichen kann. Das klingt interessanter und ist weniger theoretisch“, berichtet Lehrerin Renate Seidel. Als die Schüler im Unterricht selbst ihren Blutdruck messen durften, fiel Faris auf, dass seiner viel höher war als der seiner Tischnachbarn – dramatisch höher. Er lag bei 199 zu 136. „Ist das normal“, fragte er seine Lehrerin. „Nein, normal ist ein Wert um 120 zu 80“, erläutert die Physiklehrerin im Gespräch mit dem Grafschafter. Renate Seidel vermutete zunächst, dass das Gerät des Schülers defekt sei. „Solche Werte erwartet man bei Jugendlichen schließlich nicht.“ Sie hielt es dennoch für besser, dass die Eltern informiert werden. „Ich bin aus allen Wolken gefallen, als Faris Mutter drei Tage danach mit dem Untersuchungsergebnis in die Schule kam und sagte: Sie sind unser Schutzengel.“ Die Eltern waren noch am selben Tag mit Faris ins Krankenhaus gefahren. Da lagen die alarmierenden Werte schon bei über 200. Faris kam zuerst in die Kinderklinik des Moerser Krankenhauses Bethanien, dann ins Herzzentrum nach Duisburg. „Die OP war dort ein Lehrbeispiel“, sagt Alma Ibrahimovic. „Es waren bestimmt 25 Leute mit im Raum, Assistenzärzte, Schwestern und Pfleger, die zuschauten. Eine Schwester sagte mir, dass sie so etwas in 25 Berufsjahren noch nie erlebt und gesehen habe. Für die Mediziner war es ein Phänomen“, erzählt Alma Ibrahimovic.

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Faris Aorta wurde durch den Stent auf 14 Millimeter geweitet. „Der Stent wächst leider nicht mit, so dass er sich der Prozedur je nach Wachstumsschub noch öfters unterziehen muss, wenn er älter ist“, sagt seine Mutter. Faris Leben hat sich seither sehr verändert. Er muss jetzt jeden Tag Blutdruck senkende Medikamente und Blutverdünner einnehmen. Seine nächste Untersuchung steht am 19. Dezember an. Bis dahin gilt das absolute Sport-Verbot. „Er darf kein Fahrradfahren oder etwas Schweres heben“, berichtet Alma Ibrahimovic. Heute liegt der Blutdruck des Jungen bei 140 zu 70. Noch immer ein bisschen zu hoch. „Ich habe jetzt viel Zeit, um für die Schule zu lernen. Ich muss ja einiges nachholen“, sagt Faris und freut sich über den Zusammenhalt in seiner Klasse. „Meine Mitschüler haben mir immer die Hausaufgaben vorbei gebracht.“ Alma Ibrahimovic ist heilfroh, dass die hohen Werte ihres Sohnes im Physikunterricht aufgefallen sind, so dass die Ursache festgestellt werden und die Ärzte rechtzeitig handeln konnten. „Ich würde mich freuen, wenn solche Tests regelmäßig im Unterricht durchgeführt würden.“ Das sei wichtig.

Renate Seidel hat ihre Kollegen am Georg-Forster-Gymnasium schon für das Thema sensibilisiert. „Es wird in den Physikunterricht eingebaut, und auch in den Erste-Hilfe-Kursen wird es ein Thema sein“, berichtet die Lehrerin.

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