Schüler aus Kamp-Lintfort geht nach Chile

Kamp-Lintfort : Schüler will in Chile erwachsen werden

12.506 Kilometer trennen Jan Rathmer bald von seinen Eltern, drei Geschwistern und dem behüteten Leben im Niersenbruch. Der 15-Jährige wagt – wie sein Bruder vor vier Jahren – das Abenteuer Auslandsjahr in Santiago de Chile.

Im Pool toben seine Freunde: Jan-Luca Rind, Daniel Thoma und Daniel Zitzmann (alle 15). Jan Rathmer (15) beobachtet sie, während er mit seiner Mutter Tanja und der Jugenddienstbeauftragten des Rotary Clubs, Edith Catrein-Diering, auf der Terrasse sitzt. Die Jungen werfen sich auf die Luftmatratzen, lassen sich treiben – ihre Sommerferien haben begonnen: Sechs Wochen lang pure Entspannung. Auf Jan hingegen wartet ein 16-stündiger Flug nach Chile. Ab dem 23. August werden 12.506 Kilometer zwischen ihm und dem Teenagerleben liegen, das er bisher kannte.

Doch Jan ist keine Aufregung anzumerken. Er nippt kurz an seinem Glas eisgekühlter Bitterlemon und lässt den Blick über den großen Garten schweifen. „Heimweh werde ich nicht haben“, sagt er, und seine Mutter lacht kurz auf. Das kennt sie schon. Ihr Sohn Nils (18) war vor vier Jahren bereits für zwölf Monate in Kanada. „Am Ende haben wir vielleicht alle drei Wochen über Skype miteinander gesprochen. Nils hat sich dort so wohl gefühlt, und war mit dem Rotary Club und in seinen wechselnden Gastfamilien so gut aufgehoben, dass wir uns gar keine Sorgen gemacht haben“, sagt sie. Jan lächelt.

Wird es bei ihm genauso ablaufen? Zumindest wird sein Start um Einiges schwieriger werden als der von Nils: „Ich spreche nicht perfekt Spanisch, habe vier Monate wöchentlich Privatunterricht bekommen. Dann hatte ich viel für die Schule zu tun, und es hat zeitlich nicht mehr gepasst“, sagt Jan. „Außerdem sprechen die Chilenen einen starken Dialekt. Ich bin gespannt, wie das in der Schule wird.“ Edith Catrein-Diering vom RC Kamp-Lintfort/Grafschaft Moers, der den Jungen entsendet, legt ihm kurz eine Hand auf die Schulter: „Die ersten sechs Wochen werden hart, das ist auch bei denen so, die in die USA gehen und gut Englisch sprechen. Nach und nach wirst du dich aber einleben und an alles gewöhnen.“

  • Kamp-Lintfort : Sternfahrt nach Kamp-Lintfort
  • Rheinberg : Sternfahrt nach Kamp-Lintfort
  • Kamp-Lintfort : Erstmals Friedhofswegweiserfür Kamp-Lintfort

Jan möchte den Alltag seiner Gastfamilie kennenlernen, die ihrerseits den einzigen Sohn ins Auslandsjahr geschickt hat. Er möchte Santiago de Chile erkunden, eine Tour durch die Atacama-Wüste, zu den Osterinseln und nach Patagonien machen. Er möchte neue Leute kennenlernen, das ist ihm noch nie schwer gefallen. Und wenn er zurückkehrt, wird er das wohl als gereifter junger Mann tun. „Allerdings darf ich in Chile auch nicht alles machen“, sagt Jan. „Es gibt drei Regeln: No drink, no drive, no date. Damit habe ich kein Problem.“ Edith Catrein-Diering nickt: „Die Austauschschüler repräsentieren schließlich den Rotary Club, deshalb muss es gewisse Leitlinien geben. Wenn sie sich nicht daran halten, kann es passieren, dass sie nach Hause geschickt werden.“

Hat Jan Fragen oder Probleme, kann er sich jederzeit an einen Berater oder den Jugenddienstbeauftragten des Clubs vor Ort wenden. Während seine Mutter und Catrein-Diering von den tollen Erfahrungen schwärmen, die Jan wohl machen wird, schaut der 15-Jährige wieder zu seinen Freunden, lächelt, als sie aus dem Wasser steigen und zu ihm kommen. Da zuckt er kurz zusammen, seine Schwester Jule (10) hat ihm von hinten die Hände auf die Schultern gelegt.

„Ich werde dich vermissen“, verkündet sie mit großen Augen. „Für die Zeit bekomme ich dann aber eine Schwester, das ist auch cool.“ Jordan (15) aus Kanada wird ab dem 21. August für ein Jahr bei den Rathmers wohnen. „Das ist nicht neu, wir hatten mein ganzes Leben lang immer Au Pairs aus unterschiedlichen Ländern“, sagt Jan. „Dieses Mal ist es eben eine Austauschschülerin.“

Genug über die Zukunft gesprochen. Jan-Luca und die beiden Daniels warten. Jan zieht sich das T-Shirt über den Kopf, stellt sich an den Beckenrand des Pools. Sein Bruder Nils hat einmal gesagt, dass er seinen Aufenthalt in Kanada anfangs zu 75 Prozent genossen habe, weil er mit seinen 14 Jahren noch so jung gewesen sei. Jan ist bloß ein Jahr älter und weiß noch nicht, was ihn erwartet. Doch so lange er noch bei seinen Freunden ist, möchte er 100 Prozent Genuss. Mit einem Kopfsprung landet er im türkisblau funkelnden Wasser.

Mehr von RP ONLINE