Schicht am Schacht: Bewegender Abgesang auf die Bergbau-Ära

Kamp-Lintfort: Schicht am Schacht: Bewegender Abgesang auf die Bergbau-Ära

Ehemaligen Bergleute erinnerten sich am Lehrstollen der Schachtanlage Friedrich Heinrich an die alten Zeiten.

Dieses Lied wird er niemals vergessen. „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“, singt Günther Riedel (75) leise mit. 36 Jahre lang hat er unter Tage gearbeitet, hat sich an die Dunkelheit gewöhnt, denn „Man gewöhnt sich an alles“. Der Spielmannszug „Glück auf Geldern 1947/67“ weckt mit dem „Steigerlied“ die Erinnerungen. „Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt, schon angezündt“, summt Riedel mit. Sein „Licht“ unter Tage war immer die Kameradschaft und der Zusammenhalt unter den Kollegen.

Mit Riedel sitzen hunderte ehemalige Bergleute im Festzelt auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Friedrich Heinrich. Es ist sein ehemaliger Arbeitsplatz. Viele der Männer, die sich auf den gepolsterten Stühlen vor der Bühne zurückgelehnt haben, denen Tränen in den Augen stehen, und die sich mit Stofftaschentüchern unauffällig über das Gesicht fahren, kennt er von früher. Sie alle wurden von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) eingeladen, das Ende der Bergbauära an diesem Samstagabend gemeinsam zu feiern.

Mit einigen Gästen ist Riedel noch heute befreundet, obwohl er schon vor 25 Jahren in den Vorruhestand gegangen ist. „Die Kameradschaft, wie wir sie erfahren und gelebt haben, gibt es nur im Bergbau“, resümiert der Kamp-Lintforter. „Und an meinem Arbeitsplatz habe ich auch keine Fremdenfeindlichkeit erlebt. In den siebziger Jahren durfte ich Bergleute aus Italien, Jugoslawien und Korea anlernen – das hat wunderbar funktioniert.“ Er habe ein Buch gehabt, in dem Bergbausymbole wie der dicke Hammer abgebildet waren. Die Koreaner konnten unter den Bildchen die Übersetzung nachlesen. „Sie haben unsere Sprache, und vor allem die Fachausdrücke im Bergbau, schnell gelernt“, erinnert sich Riedel. Er hält seine rechte Hand hoch. „Ohne den hier...“, sagt er und deutet auf seinen Ringfinger, der nur noch ein Stumpf ist. „...ohne den hätte ich das alles gar nicht erlebt. Nach meinem Unfall sollte ich mich erst einmal schonen und mich deshalb mit den Gastarbeitern beschäftigen.“ Eine Schaufel hatte ihm 1968 den Finger abgetrennt.

  • Moers : Kamp-Lintfort

Im Fall des ehemaligen Bergmannes Thomas Mucha (52) war es der Stecker einer Heizanlage, der ihm beim Abladen den rechten Zeigefinger nahm. Schmerzen verspürte er zunächst nicht. Mit dem Gedanken: „Jetzt habe ich schon wieder einen blauen Fleck“, zog er den Arbeitshandschuh aus. Als ein Teil des Fingers darin zurück blieb, wusste er, dass es zu spät war: „Annähen war nicht mehr möglich, zu viele Bakterien hatten sich im Handschuh angesammelt. Die Fingerkuppe wurde schwarz.“ Das war 2000, sechs Wochen vor seiner Hochzeit. Trotzdem hat er den Job immer gerne gemacht, hat tagsüber seine krebskranke Mutter gepflegt, und ist abends zur Nachtschicht ins Bergwerk gefahren.

Ein Job in Dunkelheit, bei mehr als 30 Grad – gefährlich und körperlich anstrengend: Jonas Göbel (14) aus Moers möchte trotzdem in zwei Jahren seine Ausbildung zum Bergmann beginnen. Dafür wird er ins Salzbergwerk nach Rheinberg gehen. „Der Zusammenhalt unter Bergleuten fasziniert mich. Und die Arbeit ist total interessant“, sagt er. Neben der Schule engagiert er sich bei der „Fördergemeinschaft für Bergmannstradition – linker Niederrhein“ in Kamp-Lintfort. Dort ist er das jüngste Mitglied – und das einzige, das die Ausbildung zum Bergmann noch vor sich hat.