Bergbau in Kamp-Lintfort: Rossenray: Rückbau in luftiger Höhe

Bergbau in Kamp-Lintfort : Rossenray: Rückbau in luftiger Höhe

Der Schachtturm wird auf spektakuläre Art und Weise abgerissen. Ende 2020 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Langsam hievt der Raupenkran einen Käfig 100 Meter weit nach oben. Das Gestell, das mit einer Stahlplattform ausgestattet ist, ist nicht leer. Es transportiert einen darin fest fixierten Meißelbagger. Der Baggerfahrer wird zeitgleich in einem extra Förderkorb an seinen Arbeitsplatz in luftiger Höhe befördert. Das allein ist ein atemberaubender Anblick. Weit aus spektakulärer ist jedoch, was das von der RAG Montan Immobilien beauftragte Bauunternehmen RPR aus Bottrop vorhat: Es hat am Dienstag dort oben den Rückbau des 100 Meter hohen Turms der Schachtanlage Rossenray 1/2 in Kamp-Lintfort gestartet. In den nächsten Wochen wird das Gebäude nach und nach abgerissen. Der Meißelbagger wird in 100 Metern Höhe die Decke des Turmes außerhalb des Käfigs in einer festgelegten Reihenfolge abschnittsweise entfernen und dann die jeweilige Stahlbetonwand um einige Meter abknabbern, bis der Boden der Fördermaschinenhalle auf 87,5 Metern erreicht ist. Das sei ein einmaliger Vorgang, betonte Stephan Conrad, Pressesprecher der RAG Montan Immobilien (MI).

„Das Konzept haben Bauunternehmer Robert Proch und sein Team von RPR eigens für die Rückbaumaßnahme hier in Rossenray entwickelt“, berichtet Michael Otto. Der Geologe begleitet als Projektingenieur der RAG MI den Rückbau des Schachtturmes und fügt hinzu: „Die große Herausforderung war die Planung.“ Der Rückbau des rund 100 Meter hohen Turms, in dem sich noch die Fördermaschine befindet, ist neben der Sanierung der Flächen eine der Voraussetzung für die weitere Entwicklung der rund 13 Hektar großen Bergwerksfläche. Sie steht aktuell noch unter Bergaufsicht. In den nächsten Jahren soll dort ein Gewerbe- und Industriegebiet entstehen. In unmittelbarer Nähe befinden sich bereits die Zentrale der Bäckerei Büsch, eine Kiesbaggerei und das Lidl-Logistikzentrum. Die RAG MI setzt das Abschlussbetriebsplanverfahren auf dem Areal um. Die Geschichte der Schachtanlage Rossenray reicht bis ins Jahr 1909 zurück. Damals starteten die ersten Abteufarbeiten. Sie wurden bald jedoch wegen des Ersten Weltkrieges eingestellt. Erneute Teufarbeiten erfolgten dann 1942 und 1955. Der Schachtturm, der jetzt abgerissen wird, wurde 1962 gebaut. Die von weitem sichtbare weiße Stahlbetonskelettkonstruktion ist 100 Meter hoch sowie 16 mal 23 Meter breit. Die Schachtanlage wurde zusammen mit dem Bergwerk West 2012 endgültig stillgelegt. Für den Rückbau des Turmes haben die Bauherren das große Besteck heraus geholt: Der am Boden gefertigte Käfig wiegt 21 Tonnen und ist sechs mal 7,5 Meter groß. Der Raupenkran, der Käfig und Bagger nach oben hebt und dort absetzt, ist 600 Tonnen schwer und hat einen Ausleger von mehr als 130 Metern. Wie Projektleiter Michael Otto am Dienstag erläuterte, wird durch die Befestigung des Käfigs am Kran die Belastung des Daches durch den 26 Tonnen schweren Meißelbagger auf einen minimalen Wert reduziert. „Er ist so auf nur zehn Prozent der Fläche abgestellt.“

Eine Sprengung des Schachtturmes kam nicht in Frage: „Das würde sich finanziell nicht rechnen“, sagte Projektleiter Otto. Eine halbe Stunden dauerte es am Dienstag, bis Käfig und Bagger ihr Ziel erreicht hatten. Der Baggerfahrer stieg aus seinem „Mannkorb“ wie in einem Hochseilgarten um. „Er verfügt über die entsprechende Erfahrung und war bereits bei der Montage von Windrädern eingesetzt“, betonte Michael Otto. Jetzt muss nur das Wetter mitspielen: Starkregen, Wind und Nebel können die Bauherren nicht gebrauchen. Wenn die alte Fördermaschine übrigens aus dem Turm gehoben ist, geht der Abbruch bis auf eine Höhe von 70 Metern weiter. Im Anschluss daran erfolgt der Rückbau konventionell mit einer Abrissbirne.