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Martin Zingsheim schaltet in der Christuskirche Kamp-Lintfort das Kopfkino ein

Kultur in Kamp-Lintfort : Zingsheim schaltet das Kopfkino ein

In der Kamp-Lintforter Christuskirche sezierte der Kabarettist und Gewinner des Kleinkunstpreises 2015 die Sprache und spielte mit ihr.

Martin Zingsheim liebt die Melodie, sei es nun in der Sprache oder in der Musik. Eines seiner beiden aktuellen Programme tituliert er „Ganz großes Kino – Comedy trifft Filmmusik“. Anders als dieser Titel ahnen lässt, ist er aber eher ein Kabarettist. „Kopfkino“ hieß das andere Programm des 35 Jahre alten Kölnern, mit dem er am Donnerstagabend in der Christuskirche gastierte.

Es ist musikalischer als es klingt. Immer wieder „singt“ der Kabarettist, fügt gängige Schlagwörter aus Politik und Gesellschaft mit einer Sprachmelodie zusammen. Die Zuschauer sind verwirrt, wissen nicht, ob die kurzen „Sprachgesänge“ einen sinnvollen Inhalt haben oder die Inhaltslosigkeit der Schlagwörter offenlegen. Immer spielt er virtuos mit Wörtern, zum Beispiel mit dem Urlaub „all inclusive“. „Der ist die Inklusion verhaltensauffälliger Menschen“, sagt er. Dabei hält der promovierte Musikwissenschaftler Menschen für verhaltensauffällig, die sich nicht verhaltensauffällig verhalten und „überzivilisiert“ sind. Immer lässt er seinem Gedankenstrom freien Lauf, gibt sich olympisch in seinem Assoziationsspringen, ohne den Applaus erhaschen zu wollen, der oft spontan von 80 Zuschauern gegeben wird. Da ist er anders als die Comedians, die ihre Sprünge immer mit Blick auf die Zuschauer setzen, um möglichst viele Klopfer zu erzeugen.

Er schlägt vor, mit außergewöhnlichen Aktionen aus dem Alltag der Überzivilisierten auszubrechen. Er spielt gedanklich durch, mit einem orangen Wählscheibentelefon aus den 70er Jahren in einen Bus einzusteigen, es klingen zu lassen und den Hörer abzunehmen, um mit seinem fiktiven Gegenüber heftig ins Gespräch zu kommen. Oder er überlegt, wie Besucher einer Van-Gogh-Ausstellung mit Schlachtgesängen zu einem Museum ziehen, wie Fußballfans.

Dabei gibt es für den Gewinner des Kleinkunstpreises 2015 keine allgemeingültige Wahrheit, sondern als Anhänger des radikalen Konstruktivismus‘ nur eine persönliche, die sich der Einzelne schafft – in seinem Kopfkino.

Am 17. Mai schließt das städtische Kabarettprogramm die Saison. In der Aula der Europaschule steht ab 20 Uhr Christoph Sieber mit seinem neuen Programm auf der Bühne. Karten beim Kulturbüro: 02842 912-290.