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Kamp-Lintfort: Zeitzeugin spricht über den Holocaust

Austausch in Kamp-Lintfort : Zeitzeugin spricht über den Holocaust

Die 86-jährige Zeitzeugin Eva Weyl schilderte im Online-Format der Jahrgangsstufe 12 des Georg-Foster-Gymnasiums, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus in Vernichtungslagern und die Nachkriegszeit erlebt hat. Warum Zeitzeugen eine so wichtige Rolle übernehmen.

Aus Amsterdam ist die Zeitzeugin Eva Weyl (86) zugeschaltet und knüpft mit ihren Schilderungen an die Kontinuität an, die das Georg-Forster-Gymnasium in Kamp-Lintfort pflegt: Austausch mit Zeitzeugen. Diesmal vor dem Hintergrund der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942. Eva Weyl schildert das Leben ihrer jüdischen Familie vor und während des Zweiten Weltkrieges. Sie wird nicht müde, immer wieder an den wachen Menschenverstand der Schülergeneration zu appellieren, sich politischem Rechtsextremismus gegenüber kritisch zu verhalten. Sie sieht ihre Lebensaufgabe darin, diese jungen Menschen zu „Zweitzeugen“ zu machen, und versteht sich als Brückenbauerin gegen das Vergessen.

 Eva Weyl möchte junge Menschen zu „Zweitzeugen“ machen.
Eva Weyl möchte junge Menschen zu „Zweitzeugen“ machen. Foto: Markus van Offern (mvo)

„Ich denke, dass ihr alles verstanden habt“, ist eine umso dringlicher Bitte, im Sinne des demokratischen Miteinanders auf der Basis des Grundgesetzes zu agieren.“ Eva Weyl gehört zu den fünf Prozent der Menschen, die das niederländische Durchgangslager Westerbork und den Holocaust überlebt haben und „nicht auf Transport gingen“. Mit einer Besonderheit. „Als kleine Familie haben wir überlebt“, sagt sie und erzählt von den verschiedenen Lebenssituationen mit den Eltern und Großeltern. Westerbork galt als das Tor zum Tod, durch das der SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker Juden schickte. Von 107.000 Menschen kamen 80.000 in Konzentrationslagern um. Eva lebte von 1942 bis 1945 dort, bevor ihre Familie zum Kriegsende von den Kanadiern befreit wurde. Sie spricht von den glücklichen Zufällen, die ihre Familie vor der Deportation bewahrten. Früh hatte ihr Vater zur Emigration in die Niederlande gedrängt, obwohl er in Kleve das Familienunternehmen, ein Kaufhaus, übernehmen sollte. In Arnheim baute er sich mit seiner Frau eine geschäftliche Existenz auf, Eva wurde 1935 als einzige Tochter geboren. Mit der deutschen Besetzung ab Mai 1940 begannen die so genannten „Säuberungsaktionen“. Die Familie kam im Januar 1942 nach Westerbork. Sie berichtete vom Augenblick, als ihre Mutter erklärte: „Wir ziehen um.“ Mit all dem, was sie mitnehmen durften, wie eine Wolldecke, Bettwäsche, ein Kopfkissen und Kleidung. „Geld, das wir mitbrachten, wurde bei der Registrierung gegen wertloses Lagergeld eingetauscht“, so Eva Weyl.

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Wie wertvoll ihr Wintermantel war, erfuhr sie erst wesentlich später. In Knöpfe eingenähte Brillanten hatte die Lagerleitung nicht gefunden. Sie sind heute in der Gedenkstätte Westerbork Teil der Ausstellung. Als Kind sei sie ahnungslos gewesen, von den Eltern unwissend gehalten, um so beschützt zu werden. „Westerbork war wie ein Dorf. Wir hatten zu essen, eine Schule, einen Lagerladen. Es gab Konzert- und Kabarettabende. In der Scheinwelt mit perfidem System gab es überall Arbeit.“

Erst Jahre später hat sich Eva Weyl mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt, während ihr Vater schon an Schulen über seine Erlebnisse berichtete und mit ihr Gedenkfeiern besuchte. „Ihr müsst immer darüber reden“, so sein Vermächtnis. Zum wiederholten Mal ist sie am Kamp-Lintforter Georg-Forster-Gymnasium. Die Treffen organisiert Marc Glorius, Vorsitzender der Fachschaft Geschichte. Im Online-Format stellte sie sich den Fragen der Schülerschaft, bezog Position zu den aktuellen Demonstrationen, zur Flüchtlingssituation oder Angriffen auf Juden. Sie ist sich ihrer besonderen Situation als Zeitzeugin bewusst. „Ich bin dankbar, dass Deutschland sich dem Holocaust und der Vergangenheit stellt“, so Eva Weyl, die vor drei Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit wieder angenommen hat.