Kamp-Lintfort: Stephanie Richter arbeitet als Busfahrerin bei der Niag

Niag : Beruflich angekommen – als Busfahrerin

Stephanie Richter weiß, was es bedeutet, hart zu arbeiten. Die 38-Jährige hatte schon drei Jobs gleichzeitig, um ihre Miete bezahlen zu können und bangte jeden Monat darum, ob der Sprit noch bis zur Arbeitsstelle reicht. Heute fährt sie Bus. Und ist glücklich.

Sie war schon Tierpflegerin, Hundetrainerin, Einzelhandelskauffrau, arbeitete bei einer Versicherung und in der Bäckerei. Die Arbeit hat Stephanie Richter (38) nie gescheut. Drei abgeschlossene Berufsausbildungen kann die Xantenerin vorweisen. Und doch stand sie ein Jahr lang ohne Job da. Eine schwierige Zeit. Noch heute kommen ihr die Tränen, wenn sie davon erzählt – in einem Bus, auf einem Pausenplatz der Niag in Kamp-Lintfort.

Busfahrerin Richter hat nun eine Stunde Zeit, sich zu erholen, die Zeitung zu lesen, mit einer Kollegin Kaffee trinken zu gehen. Sie winkt den Kollegen zu, wenn sie vorbeifahren, und sie strahlt. Es mag einige geben, die selten während der Arbeit lachen. Doch wenn Stephanie Richter, blonde lange Haare, mit Grübchen in den Wangen, die Hand hebt, dann breitet sich auch auf den Gesichtern dieser Kollegen ein Lächeln aus. Sie komme eigentlich mit jedem gut zurecht, sagt Richter. Sie habe ja immer die Wahl – wenn sie Lust auf ein Gespräch habe, dann seien genügend Gelegenheiten da. Und möchte sie mal ihre Ruhe, dann fährt sie eben nur ihre Schicht, von da aus geht es dann direkt nach Hause.

Heute nimmt sie sich in ihrer Mittagspause Zeit für ein Interview – über den Beruf, den sie ausübt. Der Beruf, den sie mit Anfang 20 gelernt hat und der damals beinahe zu einem Burnout geführt hätte. Zwölf-Stunden-Schichten waren bei dem privaten Busunternehmen, für das sie fuhr, keine Seltenheit, Pausen rar und zwischen den Dienstzeiten nicht einmal genug Zeit, um nach Hause zu fahren. Oft schlief sie wenige Stunden im Bus, fuhr dann wieder los – die Arbeit nahm kein Ende.

Heute ist das anders. „Bei der Niag habe ich geregelte Arbeitszeiten, weiß drei Monate im Voraus, wie ich arbeiten werde“, sagt Richter. Sie hat eine feste Anzahl an Urlaubstagen und fährt meistens die Frühschichten. Regelmäßig bezahlt ihr Arbeitgeber Fortbildungen, die für Busfahrer heute verpflichtend sind. „Als ich anfing, gab es diese Fortbildungen noch nicht. Da durfte einfach jeder fahren – deshalb war der Konkurrenzdruck hoch“, erzählt Richter. Wer wegen der hohen Belastung nicht mehr konnte, sei schnell ersetzt worden. Die gelernte Einzelhandelskauffrau gab den Job nach drei Jahren auf.

Mit 27 Jahren fing sie noch einmal neu an – mit einer Ausbildung zur Tierpflegerin und Hundetrainerin. Ihr eigener Hund hatte sie auf die Idee gebracht: „Ich habe es immer geliebt, mit ihm spazieren zu gehen, mich um ihn zu kümmern“, sagt Richter. „Da war diese Entscheidung für mich naheliegend.“ Doch auch hier waren die Arbeitszeiten belastend – an sieben Tagen in der Woche fuhr sie in ein 25 Kilometer entferntes Tierheim, manchmal sogar zwei Mal am Tag. Oft nagte die Frage an ihr, ob der Sprit noch bis zur Arbeitsstelle reichen würde. Die Bezahlung war schlecht. Sie begann, nebenbei in einer Bäckerei zu arbeiten, schließlich Vollzeit.

Die Tierpflege gab sie endgültig auf, ihren Hund behielt sie. Mit Mitte 30 wurde sie arbeitslos. Kurz zuvor war ihr noch in Aussicht gestellt worden, stellvertretende Filialleiterin zu werden. Doch fünf Tage vor Ablauf des Vertrages erhielt Richter die Nachricht, dass ihr Vertrag nicht verlängert würde – die Bäckerei musste an allen Ecken und Enden sparen.

Das schlimmste Jahr in ihrem Leben begann. Sie schrieb so viele Bewerbungen, dass sie sie schon bald nicht mehr zählen konnte, bekam Absagen, meistens aber gar keine Antwort. „Ich war eine Frau Mitte dreißig mit guten Arbeitszeugnissen, drei abgeschlossenen Berufsausbildungen“, betont Richter. „Doch wer stellt jemanden ein, der in nächster Zeit schwanger werden könnte?“ Die 38-Jährige ist sich sicher, dass die meisten ihrer Bewerbungen im Müll gelandet sind. Sie war am Boden zerstört, verstand die Welt nicht mehr. Früher habe sie immer eine große Klappe gehabt, gibt sie zu. Jedem hätte sie gesagt: „Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit.“ Zu diesem Zeitpunkt musste sie sich eingestehen, dass es nicht immer so einfach läuft.

Als schließlich das Angebot einer Zeitarbeitsfirma kam, jubelte sie. Nachdem sie acht Stunden am Fließband stehen und in 60 Sekunden acht Salatköpfe bearbeiten sollte, resignierte sie. Auch ein privates Busunternehmen bot ihr einen Job an. Da kam sie auf die Idee, es wieder als Busfahrerin zu versuchen – doch dieses Mal bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben. Es klappte. Nach ihrem langen Weg zur Niag hat sie oft das Gefühl, sie habe den entspanntesten Beruf der Welt: „Ich fahre spazieren, denke ich oft. Natürlich stimmt das nicht.Es steckt auch viel Verantwortung dahinter und es kann stressig sein“, sagt Richter. Manchmal gibt es heikle Situationen. Dann ruft sie die Polizei oder einen Sicherheitsdienst. Am Duisburger Hauptbahnhof wollten zwei junge Männer mit demselben Ticket fahren. Sie lächelten sie an, während der eine dem anderen die Fahrkarte übergab. Richter habe gewusst, dass sie alleine nichts ausrichten könne. Sie habe die beiden auf ihre Masche aufmerksam gemacht, doch keiner zeigte Einsicht. Also rief sie Verstärkung. „Das tut mir leid für die anderen Fahrgäste, weil ich dann nicht pünktlich losfahren kann“, sagt die 38-Jährige. Doch so etwas lasse sie sich nicht bieten. Wenn allerdings ein Schüler mal sein Schokoticket vergesse, nehme sie den natürlich trotzdem mit. Ein Kind lasse sie nicht einfach an der Haltestelle zurück.

Stephanie Richter mag ihren Job, wie er jetzt ist. Sie muss in jeder Sekunde ihrer Arbeitszeit aufmerksam sein, damit niemand zu Schaden kommt. Fahrradfahrer schauen nicht nach links oder rechts, Schüler schubsen sich gegenseitig auf die Straße, einmal ist ihr ein Taxi in die Seite gefahren. Einen schlimmen Unfall hat sie zum Glück noch nie erlebt. Wenn sie nach Hause kommt, winkt sie oft ihrem Partner zu, der sich gerade auf den Weg zur Arbeit macht. Auch er ist Busfahrer. „Wir schaffen das trotzdem, man arrangiert sich mit den Zeiten“, sagt Richter. Außerdem liebt sie große Autos – je größer, desto besser. Die Busse möchte sie deshalb nicht mehr missen.