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Kamp-Lintfort: Noch ist die Situation im St.-Bernhard-Hospital gut händelbar.

Coronavirus : Noch ist die Situation im Hospital gut händelbar

Das Bernhard-Krankenhaus hat erste Patienten aufgenommen, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Das Haus hat viele Unterstützer.

Hat Ihre Kollegin, die als erste im Kreis Wesel mit Covid 19 infiziert war, alles gut überstanden?

Jörg Verfürth Die Mitarbeiterin ist wieder gesund und im Dienst. Sie hatte nur ganz leichte Symptome wie bei einem grippalen Infekt. Ihre Kollegen in der Personalabteilung wurden daraufhin getestet und waren in Quarantäne. Keiner von ihnen wurde positiv getestet.

Hat das St.-Bernhard-Hospital bereits Patienten aufgenommen, die mit dem Coronavirus infiziert sind?

Verfürth Ja. Wir behandeln seit einer Woche einen Patienten, dessen Gesundheitszustand sich sehr schnell verschlechtert hat. Er kam zunächst auf die Isolierstation. Nachdem sich die Lage weiter rapide verschlechterte, wurde er auf die Intensivstation verlegt und beatmet. Unter der Situation ist sein Zustand inzwischen stabilisiert und auf einem guten Weg (Stand Montag, 30. März, 10 Uhr). Seit Donnerstag befinden sich zwei positiv getestete Personen und mehrere Verdachtsfälle in getrennten Zimmern auf der Isolierstation. Wir warten auf die Ergebnisse. Im Moment ist die Situation in unserem Haus dank der guten Vorbereitung gut händelbar.

Im Hospital herrscht sicherlich alles andere als Alltagsroutine?

Verfürth Einmal davon abgesehen, dass das St.-Bernhard-Hospital grundsätzlich in Form von Pandemieplänen vorbereitet ist, haben wir schon zu einem frühen Zeitpunkt einen Krisenstab gegründet und uns mit allen Abteilungen, Ärzten und Pflegern abgestimmt. So haben wir frühzeitig festgelegt, welche beiden Stationen in unserem Haus als primäre Isolierstationen genutzt werden. Beide sind gut abgeschottet. Auf der Intensivstation gibt es zehn Beatmungsplätze. Die Anzahl der Intensivplätze wurde von zehn auf 24 erhöht, also mehr als verdoppelt. Die IMC-Station befindet sich im selben Bereich. Es handelt sich um eine erweiterte Überwachungsstation. Damit sind wir baulich für den Ernstfall vorbereitet. Die Zahl der Beatmungsgeräte wird noch aufgestockt, von den bestellten Geräten wurden inzwischen fünf geliefert. Im Moment herrscht eine Ruhephase, die wir nutzen, um unsere Mitarbeiter intensiv zu schulen. So lernen Ärzte aus den chirurgischen und orthopädischen Kliniken gerade den Umgang mit Beatmungsgeräten oder der Bauchlagerungs-Technik.

Wie sehr haben sich die Arbeitsabläufe geändert?

Verfürth Im Augenblick läuft die Krankenhausroutine normal weiter. Es herrscht eine abwartende Ruhe. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Spannungsbogen hochhalten und vorbereitet sind, denn irgendwann wird der große Schwung kommen. Operationen, Behandlungen und Untersuchungen, die absolut notwendig sind, werden weiter durchgeführt. Dazu gehören zum Beispiel onkologische Behandlungen, aber auch medizinische Notfälle wie Herzinfarkt oder Blinddarm-Entzündungen. Eingriffe, die planbar sind, wurden zurückgefahren. Die Belegung des Krankenhauses wurde mehr als halbiert. Sie liegt zurzeit bei knapp 40 Prozent. Zwei Stationen sind komplett leer. Neue Abläufe gibt es für alle, die ins Krankenhaus hinein möchten. Sie müssen durch eine Schleuse, in der ein Risikocheck durchgeführt wird. Wir haben einen ärztlichen Dienst etabliert, der mögliche Betroffene in einem Zelt untersucht und Covid-Verdachtsfälle identifiziert. Außerdem haben wir einen Wachdienst für die Nacht und das komplette Wochenende beauftragt. Denn man weiß ja nie, welche Reaktionen auf unsere Maßnahmen kommen. Dazu braucht man Leute, die wissen, wie man mit solch ungewöhnlichen Situationen umgeht. Wichtig ist aber die regelmäßige Kommunikation, damit alle auf einem Stand sind. Es sind besondere Herausforderungen, die auf die Behandlungsteams zukommen.

Ärzte, Schwester, Pfleger sind heute unsere Helden.Welche Sorgen haben sie zurzeit?

Verfürth Unsere Mitarbeiter bewegen natürlich Fragen wie: Schaffen wir das? Bleiben wir selbst gesund? Und wenn die Fallzahlen steigen, ist ausreichend Schutzmaterial vorhanden? Groß ist die Sorge, die eigene Familie zu gefährden. Unsere Mitarbeiter wünschen sich außerdem, dass die Anerkennung und Wertschätzung, die die Gesundheitsberufe aktuell erfahren, auch in Zukunft anhalten. Und vielleicht zahlt sich das auch einmal in einer besseren Vergütung aus.

In vielen Häusern fehlen Atemschutzmasken, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel. Sind Sie mit allem Dringlichen ausgestattet?

Verfürth Unsere Grundausstattung ist aktuell gut. Die Lieferungen sind aber kontingentiert, der Nachschub läuft schleppend. Deshalb versuchen wir, so viel Vorrat wie möglich zu schaffen. Wir erleben aber ganz viele Hilfsangebote von Firmen und Unternehmen aus Kamp-Lintfort, die uns FFP2-Masken und Schutzanzüge zur Verfügung stellen. Auch eigene Mitarbeiter und die Hochschule Rhein-Waal haben uns Hilfe angeboten, indem sie Gesichtsvisiere am 3D-Drucker erstellen.

Die Patienten dürfen keinen Besuch mehr empfangen. Wer spendet Ihnen Trost und Zuspruch?

Verfürth Unsere Mitarbeiter fangen viel auf den Stationen auf. Sie haben ja im Augenblick mehr Zeit für die Patienten. Außerdem sind unsere Seelsorger im Einsatz, allen voran Heinz Balke und sein Team. Die Andachten in der Kapelle werden zweimal wöchentlich über den Krankenhaus-TV-Kanal übertragen. Die Patienten akzeptieren die Situation und sind überwiegend positiv gestimmt.

Was bedeutet Corona eigentlich finanziell für das Krankenhaus?

Verfürth Die Situation ist nur schwer zu kalkulieren. Das Risiko besteht natürlich, weil die Belegung drastisch runtergefahren ist und kaum noch Eingriffe vorgenommen werden. Der Rettungsschirm der Bundesregierung wäre für uns nicht ausreichend, um die finanzielle Situation auszugleichen. Wir hoffen auf das Versprechen von Gesundheitsminister Jens Spahn, dass kein Krankenhaus wirtschaftlich Nachteile erfahren soll.

Und was, Herr Verfürth, wünschen Sie sich persönlich?

Verfürth Mein Wunsch ist, die Krise gesund zu überstehen und bald wieder mit Familie und Freunden zusammen sein zu können.

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