1. NRW
  2. Städte
  3. Kamp-Lintfort

Kamp-Lintfort: Markt verschwindet nach 100 Jahren

Wochenmarkt in der Altsiedlung : Markt verschwindet nach 100 Jahren

Käthe Ermen verkaufte fast 50 Jahre lang auf dem Wochenmarkt in der Altsiedlung Eier, Kartoffeln und manchmal auch Blumen. Sohn Heinz Ermen blickt auf diese Zeit zurück. Auf dem Platz entsteht ein Rewe-Markt.

Heinz Ermen besitzt noch die Waage, mit der seine Mutter Käthe Ermen fast ein halbes Jahrhundert auf dem Markt in der Lintforter Siedlung stand. „In die Schale passen fünf Kilo Kartoffeln“, erzählt der Altfelder. „Alle zwei Jahre mussten wir zum Kamper Sportplatz. Dort wurde die Waage geeicht. Unter der Schale befindet sich ein kleines Gefäß. Dort kamen kleine Gewichte hinein und es wurde verplombt. Die verzinkte Schale wurde bei den vielen Schüttungen etwas leichter, weil sie sich abnutzte“, erzählt er. Der einstige Landwirt trauert dem Markt auf dem Platz an der Katten- und Ebertstraße nach. Dort entsteht ein Rewe-Markt. Vom einstigen Markttreiben ist nur ein Rest an der Katten- und Moritzstraße übriggeblieben. „Der Wochenmarkt war ein Kommunikationsplatz, der verschwindet“, blickt er zurück. „Damit geht ein Stück Heimat verloren. Meine Mutter kannte jede Frau. Sie kamen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Klönen. Es wurde über Gott und die Welt erzählt. Meine Mutter war die Eierfrau.“

Von 1947 bis 1994 verkaufte Käthe Ermen auf dem Lintforter Wochenmarkt Kartoffeln und Eier sowie saisonal Gemüse, Äpfel und Blumen. Vorher, vor ihrer Hochzeit hatte die gebürtige Millingerin bereits auf dem Rheinberger Markt gestanden. „Sie war über 60 Jahre Marktfrau“, erzählt Heinz Ermen. „Ihr liebster Markttag war der Samstag. Aber auch dienstags und donnerstags war sie zur Stelle, bei Wind und Wetter. Auf umgedrehten Kartoffelkisten bot meine Muttter ihre Produkte an, im Winter auch Sauerkraut und Schlachthühner. Aufgehört hat sie mit 82 Jahren. Noch heute werde ich auf sie angesprochen, wenn ich in der Stadt bin.“

Als kleiner Junge begleitete er seine Mutter: „Ich fuhr auf dem vollgeladenen Pferdefuhrwerk mit. Zwischen Kartoffeln, Gemüse und Eiern hatte sie einen kleinen Platz für mich freigelassen. Nachdem alles aufgebaut war, wurde das Gespann an der Ecke von Katten- und Franzstraße abgestellt. Für die Pferde gab es dort Wasser.“

1957 löste ein Lloyd 600 Kombi das Pferdefuhrwerk ab. „Er hatte 17 Pferdestärken“, erinnert sich Heinz Ermen. „Er hatte eine Dachbrücke und war voll bepackt. Die Räder hatten einen negativen Sturz, wenn es losging, weil er so beladen war. Beim Rückweg waren sie wieder normal. Auf dem Markt konnte man frische, regionale Waren mit kurzen Transportwegen kaufen. Es gab fast alle Lebensmittel bis hin zu Südfrüchten, Fleisch und Fisch.“

Die Marktbeschicker schenkten Ende 1994 Käthe Ermen ein Fotobuch, mit dem sie sich mit farbigen Bildern und einigen Sätzen von ihr verabschieden. Auf der ersten Seite vermerkten sie: „Über 40 Jahre haben Sie die Kamp-Lintforter Kundschaft immer treu mit frischen Landeiern versorgt. Jetzt, wo Sie sich im ‚Ruhestand’ befinden, möchten wir Ihnen noch ein paar Grüße übermitteln.“

Als im Sommer 1912 das Steinkohlenbergwerk „Friedrich Heinrich“ begann, Kohle zu fördern, stieg die Bevölkerungszahl rasant an. So gab es Überlegungen, einen Markt einzurichten. „Zur Schaffung eines Wochenmarktes hat der Verein für Kleinviehzucht durch Mitglieder Unterschriften sammeln lassen“, berichtet die Zeitung „Der Grafschafter“ vom 23. Oktober 1913. „In wenigen Wochen brachten sie 1000 Unterschriften zusammen. Die Zeche Friedrich Heinrich hat für die Schaffung eines Marktes ein großes Gelände an der Kattenstraße zur Verfügung gestellt. Voraussichtlich wird der Wochenmarkt im kommenden Winter (Dezember 1913) dem Betrieb übergeben werden können.“

Der Wochenmarkt lief gut an, ursprünglich wahrscheinlich täglich außer sonntags. Allerdings hatten die Planer eine Toilette vergessen. Deshalb beschloss der Lintforter Gemeinderat am 23. März 1915: „Erwerb eines Grundstücks für die Errichtung einer Bedürfnisanstalt, wobei der Vorraum als Milchausschank und dergleichen verpachtet werden kann.“ Kurz darauf startete der Bau eines quadratischen Gebäudes mit Walmdach, obwohl sonst während des Erstes Weltkrieges (1914 bis 1918) fast nichts gebaut wurde.

Noch heute steht dieses Gebäude, dessen einstige Milchhalle sich in eine Trinkhalle verwandelte, an der Ecke von Katten- und Moritzstraße. Um dieses Gebäude liegt jetzt der Markt, der nur noch samstags mit wenigen Beschickern stattfindet.