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Kamp-Lintfort: Holocaust-Überlebende erinnert an NS-Zeit

Zeitzeugen in Kamp-Lintfort : Holocaust-Überlebende erinnert an NS-Zeit

Eva Weyl und Anke Winter waren zu Gast beim Zeitzeugen-Gespräch am Georg-Forster-Gymnasium in Kamp-Lintfort.

Ihr Urgroßvater gründete das erste große Textilkaufhaus in Kleve, und auch die beiden nachfolgenden Generationen waren noch angesehene Kaufleute. Doch die Familie war jüdisch, und so landete Eva Weyl mit ihren Eltern irgendwann Anfang der 1940er Jahre im niederländischen NS-Durchgangslager Westerbork. Was sie dort erlebt hat und wie ihre Familie und die anderen Insassen dort schließlich durch die alliierten Truppen vor dem Transport ins damalige Judenvernichtungslager Auschwitz bewahrt wurden, darüber berichtete sie am Donnerstag vor gut 100 Schülern der Jahrgangsstufe zwölf im Georg-Forster-Gymnasium. Begleitet wurde sie dabei – und das machte den mit zahlreichen Bildprojektionen ergänzten Vortrag besonders spannend – von der 54-jährigen Grundschullehrerin Anke Winter, deren Großvater einst als SS-Obersturmführer das Kommando in Westerbork hatte.

Mit Schildern an ihrem Kaufhaus, auf denen stand „Deutsche, kauft nicht bei den Juden“ habe es angefangen, schilderte zum Auftakt die heute in Amsterdam lebende 84-jährige Eva Weyl zunächst die Anfänge des auch am Niederrhein ständig zunehmenden Judenhasses nach dem Beginn der NS-Zeit. Später seien dann massive Einschüchterungen und körperliche Bedrohungen dazu gekommen, sodass ihre Familie irgendwann beschlossen habe, ins benachbarte Arnheim zu flüchten.

Doch vergebens, denn auch dort beherrschten die Nationalsozialisten mit ihrem Judenhass das politische Geschehen. Und so landeten Eva Weyl und ihre Eltern in dem im Norden der Niederlande gelegenen Durchgangslager Westerbork, wo sie unter dem NS-Lagerkommandanten Albert Konrad Gemekker Zwangsarbeit leisten mussten. Sie und ihre Familien wären zwar in überfüllten Baracken untergebracht gewesen, hätten aber wenigsten genug zu Essen gehabt, berichtete Eva Weyl.

Die weniger Leistungsfähigen wurden auf Anweisung von Anton Gemekker in die berüchtigten NS-Vernichtungslager abtransportiert. „Gemekker hat zwar nie selber einen Juden getötet, aber auf diese Weise etwa 80.000 in den sicheren Tod geschickt“, berichtete Eva Weyl. „Ich weiß, ich bin für die Taten meines Großvaters nicht verantwortlich“, setzte Anke Winter den Vortrag ihrer Vorgängerin fort.

„Aber ich beziehe hier klar Position gegen ihn. Allein Menschen eingepfercht in diesen Baracken zu halten, ist in meinen Augen schon ein Verbrechen.“ Außerdem habe er als Familienvater zahlreiche Liebschaften gehabt und keinerlei Empathie für die Leiden seiner Frau und ihrer gemeinsamen drei Töchter gezeigt. Selbst später, nachdem er in den Niederlanden sechs Jahre für seine Nazi-Verbrechen in einem Gefängnis gesessen habe, sei sein Hass auf die Juden ungebrochen gewesen.

So hatten die beiden Frauen aus verschiedenen Generationen eine gemeinsame Botschaft an ihre jungen Zuhörer. Die von Eva Weyl so lautete: „Eure Aufgabe ist es, nicht zu vergessen.“ Und die von Anke Winter: „Wir brauchen selbstbewusste, gebildete Menschen, aber das allein reicht nicht. Sie müssen auch Empathie für ihre Mitmenschen und alle anderen Geschöpfe unsere Erde besitzen. Nur auf diese Weise können wir zuversichtlich in die Zukunft schauen.“