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Kamp-Lintfort: Gedenktafel erinnert an Synagoge in Hoerstgen.

Feierstunde in Kamp-Lintfort : Gedenktafel erinnert an Synagoge in Hoerstgen

Eine private Initiative bewahrt ein Stück Dorfgeschichte vor dem Vergessen und zeigt Flagge für Demokratie, Freiheit und Toleranz.

170 Jahre lang, von 1771 bis 1931, war die Synagoge Zentrum jüdischen Glaubens in Hoerstgen. Daran erinnert nun eine Gedenktafel. In einem feierlichen Rahmen wurde sie an der Dorfstraße 69, Haltestelle Jansen, der Öffentlichkeit übergeben. Noch 1903 war die jüdische Gemeinde so groß, dass aus eigenen Mitteln ein Neubau der Synagoge errichtet wurde. Er ist auf der Gedenktafel zu sehen.

Helga Klaus, emeritierte Pfarrerin der Gemeinde, ist zusammen mit Sylvia Joos und Bernd Kern treibende Kraft, die an christliche-jüdische Gemeinschaft erinnern. In einer privaten Interessengemeinschaft gemeinsam mit anderen Geschichtsinteressierten gingen sie ab 2019 den Spuren jüdischen Lebens und Glaubens nach. „1931 fanden sich in den Gemeinden Rheurdt und Hoerstgen keine zehn Gläubigen mehr, die für einen Gottesdienst erforderlich sind“, so Helga Klaus. In Hoerstgen lebten 1918 bis 1933 etwa 678 bis 714 Menschen. Lebten 1854 dort noch 44 Personen mit jüdischem Glauben, wurden 1927 nur noch drei Personen benannt. Folglich wurde die Synagoge aufgegeben und an die Gemeinde Hoerstgen verkauft, „nicht wegen der Reichskristallnacht, sondern mangels Masse. Sie war dem Verfall preisgegeben. Das Grundstück kaufte die Gemeinde mit einer Ewigkeitsverpflichtung. Das Gebäude wurde 1978 abgerissen“, so Klaus.

  
 Der Synagogenbau von 1903 wurde 1931 abgerissen. Heute befindet sich an der Stelle ein Parkplatz.
Der Synagogenbau von 1903 wurde 1931 abgerissen. Heute befindet sich an der Stelle ein Parkplatz. Foto: Stadt Kamp-Lintfort
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In der selbständigen Gemeinde Hoerstgen lebten drei Religionsgemeinschaften, die evangelisch-reformierte, die freie evangelische und die jüdische Gemeinde zusammen. „Die Synagoge stand in einer Linie und gleichberechtigt zur evangelischen Kirche als sichtbares Zeichen“, so Klaus. Der Synagogenstandort sei interessant, da im Hause gegenüber die Mikwe, das Frauenbad für die rituelle Reinigung mit Quellwasser möglich gewesen sei, sagte Klaus. „Geschichten aus unserem Dorf machen uns betroffen.“ Der „Schwamm des Vergessen“ befreie nicht, sondern verlange nach einer eigenen Standortbestimmung. „Vieles wissen wir nicht genau. Daher wollen wir die Geschichte unserer Gemeinde für die Nachwelt festhalten“, sagte sie zur Motivation.

Für Sylvia Joos ist die Enthüllung ein wichtiges Ereignis, das nicht nur in die bundesweiten Veranstaltungen von „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ passt. Die Gedenktafel erinnere an dunkle Zeiten, mahne vor Fremdenhass in der heutigen Demokratie „und zeigt Flagge für Freiheit und Toleranz“, so Sylvia Joos. Für Bernd Kern ist die Aufarbeitung der Ortsgeschichte ein Beitrag für die Gegenwart und Zukunft, wie auch die Ehrengäste und Zeitzeugen bei der Einweihung nochmals eindrucksvoll betonten.

Friedhelm Buyken (geboren 1924) und Gerhard Anhamm (Jahrgang 1930) appellierten, „dass nicht noch mal so etwas passiert.“ An Jenny Gompertz, letzte Jüdin in Hoerstgen, ihre Deportation 1941 und ihr Schicksal, erinnerte Gerhard Anhamm wie auch die Gedenktafel.

Dass die Dokumentation und Erforschung der Dorfgeschichte als Teil einer Erinnerungskultur am Anfang stehe, betonte Ulrike Plitt, stellvertretende Bürgermeisterin. „Ich wünsche uns weiterhin einen bereichernden Austausch“, sagte sie mit Dank an „alle Mitdenkenden, Vordenkenden, Weiterdenkenden, Gedenkenden.“

Begleitet wurde die Veranstaltung von Polizeikräften. Das Gärten-Ensemble unter Leitung von Christel Lietzow gestaltete den musikalischen Rahmen.