Hilfe in Kamp-Lintfort Ein sicheres Zuhause für fast 20 Ukrainer

Kamp-Lintfort · Als sichere Adresse für ukrainische Flüchtlinge gilt in Kamp-Lintfort das Ehepaar Judith und Michael Bieker. Judiths Eltern, Ilse und Frank Grün, helfen tatkräftig mit. Aktuell läuft vor Ort die Suche nach weiterer Unterstützung, Unterkunftsmöglichkeiten und anderen Alltagsgegenständen für das neue, sichere Leben in der Hochschulstadt. Warum es jetzt wichtig ist, Hilfe vor Ort zu koordinieren.

Die Familien Bieker und Grün aus Kamp-Lintfort haben geflüchtete Ukrainer bei sich aufgenommen. Sie organisieren Hilfe und kümmern sich um Behördengänge.

Die Familien Bieker und Grün aus Kamp-Lintfort haben geflüchtete Ukrainer bei sich aufgenommen. Sie organisieren Hilfe und kümmern sich um Behördengänge.

Foto: Norbert Prümen

Für Judith und Michael Bieker ist seit einigen Tagen der Alltag turbulent geworden. Das Ehepaar organisiert über kurze Wege Hilfe für Ukrainer, sorgt für Übernachtungsmöglichkeit, kümmert sich um Behördengänge und bittet andere um weitere Unterstützung. Die Schaltzentrale liegt in Kamp-Lintfort, an der Buchenstraße. „Wir haben neun Personen bei uns im Haus untergebracht“, sagt Michael Bieker. Angefangen hatte die Hilfsaktion mit einem Aufruf über Facebook. Eine ukrainische Reisegruppe, die in Ägypten Urlaub machte, strandete buchstäblich am Düsseldorfer Flughafen, weil der Rückflug in die Heimat abgesagt wurde.

Für die engagierte Mutter Judith Bieker eine Selbstverständlichkeit nach Düsseldorf zu fahren, um rund 20 Menschen zu helfen. „Wir sind dann mit dem VW-Bus zum Flughafen gefahren und haben über andere Autos verteilt mit Nachbarn und Freunden diese Menschen zu uns geholt“, erzählt Michael. Zu Hause angekommen ging es um die Organisation von Schlafplätzen. So räumte ein Nachbar spontan sein Arbeitszimmer aus, andere ihre Schlafzimmer. Alles lief wie am Schnürchen, so dass die Ukrainer gut untergebracht werden konnten. „Bei der Gruppe handelt es sich um einen Freundeskreis, der zusammen Urlaub gemacht hat“, sagt Michael. Unter ihnen eine Hebamme, Bauingenieure, eine Anästhesistin und Lehrerin, die aus Städten wie Odessa und Kiew stammen. Schon am nächsten Morgen startete dann der nächste Schritt, „denn die Gruppe war ohne ihre Kinder in den Urlaub geflogen“, erzählt Michael weiter. Die Handys liefen heiß, denn nun versuchten die Ukrainer Kontakt mit der Heimat, zu ihren Kindern aufzunehmen, um sie zur „sicheren Adresse“ nach Kamp-Lintfort zu lotsen.

Nach und nach trafen Großmütter mit Enkelkindern ein. Sophia, ein 14-jähriges Mädchen, schaffte die Flucht mit ihren Katzen. Ihr Ziel war zunächst Berlin. Da Michael und Judith Bieker über ein belastbares Netzwerk verfügen, schalteten sie Bekannte ein, die das Mädchen sicher in Empfang nahmen und zum richtigen Zug brachten. „Im Umlauf sind viele Fake News, beispielsweise, dass für die Züge Richtung Westen Fahrkarten gekauft werden müssen. Was aber nicht stimmt, wie mein Bekannter in Krakau bestätigte“, erzählt Michael. Mittlerweile ist die Gruppe der Ukrainer gewachsen. Sorge um die zurückgebliebenen Familien, die Verwandten und Freunde bestimmt den Tag.

Immer neue Meldungen über Bombardierungen erreichen per Handy Kamp-Lintfort. „Plötzlich sind wir Teil des Krieges und erleben direkt mit, was in der Ukraine passiert“, sagt Michael. Ihre Dankbarkeit spürt er jeden Tag. Zu helfen über ein gutes Netzwerk, unendliche Hilfsbereitschaft aus dem direkten Umfeld zu erleben, um weitere Menschenleben zu retten, ist der Motor für Andrea und Michael und eine Herzensangelegenheit. Ihre Hilfe geht weiter, denn die Ukrainer brauchen Hilfe zur Selbsthilfe. „Wir brauchen beispielsweise Fahrräder, damit unsere Freunde mobil sein können. Wir würden uns über Benzingutscheine freuen, weil wir Fahrten übernehmen. Wir freuen uns über Spendengelder, damit sie die einfachsten Dinge wie Unterwäsche selber kaufen können“, so das Ehepaar Bieker. Mittlerweile wird ein Ladenlokal eingerichtet, in dem sich die Flüchtlinge mit gut sortierter Kleidung versorgen oder Haushaltsgräte wie einen Wasserkocher bekommen können. Gesucht werden ebenfalls Wohnungen auf Zeit.

„Viele wollen schnell nach Hause, sobald das möglich ist. Wann das sein wird, wissen wir nicht. Sie wollen jetzt arbeiten oder zumindest anderen Flüchtlingen bei ihrer Ankunft in Kamp-Lintfort helfen“, weiß Michael über die Pläne seiner Gäste. „In jedem Fall wollen sie als Gruppe zusammenbleiben.“ Gesucht werden auch Dolmetscher. Die Kommunikation gelingt über den Google-Übersetzer oder in englischer Sprache. Die meisten haben ihre persönlichen Dokumente, Ausweise und Zeugnisse auf ihren Handys gespeichert. Persönliche Gegenstände konnten Freunde zuhause in Sicherheit bringen. Geld und Ersparnisse werden beispielsweise über Bankinstitute wie die Volksbank Niederrhein transferiert.

Die ukrainischen Kinder und Jugendliche sind im Alter von zwei bis 16 Jahren. „Am Samstag hat Anna Geburtstag. Wie in einer Familie üblich werden wir für sie ein schönes Fest vorbereiten“, sagt Judith Bieker. Einige nehmen noch online am Schulunterricht teil und halten so Kontakt in die Heimat. Auch das Kalisto engagiert sich und bietet sich als Treffpunkt an, wie der Alpakaflüsterer Frank Grün und Schwiegervater von Michael erklärt. Ganz viel ist auf der Bahn, Engagement und praktische Unterstützung erleben die Familien jeden Tag.

6.7.2021, Kamp-Lintfort, Alpaka-Trainer im Tierpark Kalisto
Frank Grün

6.7.2021, Kamp-Lintfort, Alpaka-Trainer im Tierpark Kalisto Frank Grün

Foto: ja/Arnulf Stoffel (ast)

Nun geht es den Biekers darum, dass Hilfe koordiniert wird, „und noch größere Netzwerke vor Ort entstehen, damit wir zielgerichtet helfen und informieren können. Toll wäre ein Austausch mit anderen Helfenden.“

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