Kamp-Lintfort: Die Poesie der vergessenen Bauwerke

Kunst in Kamp-Lintfort : Die Poesie der vergessenen Bauwerke

Das Geistliche und Kulturelle Zentrum Kloster Kamp präsentiert die Fotografien von Sven Fennema. Die Ausstellung läuft bis Mitte Dezember.

In der Lombardei entdeckte Sven Fennema diesen Bauernhof, mehr Ruine als Gebäude, mehr verfallen als heil. Doch drinnen kam der Fotograf nicht aus dem Staunen heraus: „Es war eine große Überraschung“, sagt er. Vor ihm tat sich hohe eine Halle auf – mit herrlichen Fresken bemalt. Es war das perfekte Motiv für den Fotografen aus Krefeld, der sich in seiner Kunst der Suche nach solchen verlassenen und vergessenen, ja fast verzaubert wirkenden Orten und Bauwerken verschrieben hat. Und er findet sie: die völlig zerstörte Kirche in Kalabrien, den alte Pavillon eines Sanatoriums, in dem das Efeu sich seinen Weg gebahnt hat und nun die Geschichte des Ortes schreibt, oder den leerstehende Palazzo mit seinen hohen Rundfenstern, vor denen zwei Sessel leicht einander zugewandt stehen, als hätten die Bewohner den Raum nur kurz verlassen. „Da geht das Kopfkino an“, betont der Fotograf (Jahrgang 1981), der gebürtig aus Xanten stammt und seit 2007 fotografiert.

„Wie haben die Menschen hier gelebt? Was hat das Gebäude erlebt? Diese Fragen provozieren eigentlich alle Bilder, die Sven Fennema, ab Samstag, 6. Juli, unter dem Titel „Melancholia – Zauber vergessener Welten“ bis Mitte Dezember im Gewölbekeller des Klosters Kamp in Kamp-Lintfort präsentiert. Sein Fokus liegt auf Architektur: „Ich brauche die Ruhe. Menschen sind mir zu hektisch“, erzählt der Fotograf lächelnd. Bereits in seiner Jugend habe ihn die Industriekultur des Ruhrgebiets mit ihrem morbiden Charme interessiert. Schon bald habe es ihn aber über die Landesgrenzen hinaus gezogen – nach Belgien zum Beispiel, vor allem aber immer wieder nach Italien, ein Kulturerbe, das dem Künstler eine große Vielfalt historischer und vor allem verlassener Bauwerke bietet. Dabei mag er jedes Stadium des Verfalles. „Jede Art hat ihren ganz eigenen Charme.“ Die Fotografien, die im Gewölbekeller des Klosters ausgestellt sind, entstanden für den im Jahr 2018 erschienenen Bildband „Melancholia“, durch den Ausstellungsbesucher gerne blättern dürfen. Darin bringt Fennema den Lesern auf 320 Seiten den Zauber vergessenen Welten näher. Seine Kunst bedarf der Recherche. „Sie macht den größten Teil aus“, erzählt Fennema. Er stöbert in Zeitungs- und Postkartenarchiven nach neuen vergessenen Orten. „Manchmal nehme ich auch Kontakt zu Immobilenmaklern aus. In Italien freuen sich die Menschen, wenn man sie zu den Gebäuden befragt. Sie sind stolz auf die Geschichte und erzählen gerne, warum die Orte verlassen wurden.“ Sven Fennema inszeniert seine Bilder nicht. „Ich fotografiere das, was ich vorfinde und arbeite auch mit der jeweiligen Lichtstimmung vor Ort“, sagt der Autodidakt. Einziger Trick: Mehrere Belichtungen, die er übereinander legt. So bewirkt er auch die besondere Farbigkeit in seinen Arbeiten, die sehr poetisch wirken. Was ihn besonders fasziniert? „An diesen Orten malt die Natur ihre eigenen Gemälde. Sie erobert sich den Raum zurück. Dagegen sind wir Menschen ganz klein.“

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