Serie Auf Du und Du mit Kloster Kamp Das verschwundene Kreuz von Kamp

Kamp-Lintfort  · Stand das Kreuz von St.-Vincentius in Dinslaken einst auf einem Lettner in der Kamper Klosterkirche? Peter Hahnen zweifelt nicht daran.

 Das Triumphkreuz hängt in der Kirche St. Vincentius in Dinslaken. Aus Sicht von Peter Hahnen, Geschäftsführer des Geistlichen und Kulturellen Zentrums Kloster Kamp, gibt es jedoch viele Indizien dafür, dass das Kruzifix ursprünglich in der Kamper Klosterkirche seinen Standort hatte. Foto: Jörg Kazur

Das Triumphkreuz hängt in der Kirche St. Vincentius in Dinslaken. Aus Sicht von Peter Hahnen, Geschäftsführer des Geistlichen und Kulturellen Zentrums Kloster Kamp, gibt es jedoch viele Indizien dafür, dass das Kruzifix ursprünglich in der Kamper Klosterkirche seinen Standort hatte. Foto: Jörg Kazur

Foto: Kazur, Jörg/Kazur, Jörg (jok)

Prächtig muss das Kruzifix gewesen sein, das im Vorgängerbau der heutigen Abteikirche stand. Das berichten die mittelalterlichen Akten des Klosters Kamp. Es soll nicht nur farbig gefasst gewesen sein, sondern im Korpus Öffnungen aufgewiesen haben, in denen sich ein für die Zisterzienser wertvoller Reliquienschatz befand – selbst in den Querbalken des Kreuzes. Wie das Kreuz wirklich aussah, vermag heute niemand mehr zu sagen: Seit den Wirren des Truchsessischen Krieges zwischen 1583 und 1588 gilt das Kreuz als verschollen. Niemand weiß, wohin es kam.

„Wir wissen aber, dass es dieses Kreuz gab. Die Quellen sprechen von einem großartigen Kruzifix, das auf einem Lettner stand“, betont Peter Hahnen, Geschäftsführer des Geistlichen und Kulturellen Zentrums Kloster Kamp. Er hat einen Verdacht: „Kann es sein, dass es nicht weit von hier den Kampern seit Jahrhunderten vor der Nase hing?“ Und zwar in der St.-Vincentius-Kirche in Dinslaken. Zu viele beeindruckende Indizien, sagt Hahnen, sprächen dafür, dass das dortige Triumphkreuz, das heute zu den Hauptwerken mittelalterlicher Kunst im Rheinland gezählt wird, einst auf Kamp stand. „In Dinslaken hängt es urkundlich erst seit 1661. Damals musste der Chorraum der Pfarrkirche erhöht werden, um es überhaupt aufhängen zu können“, weiß Hahnen. Dinslaken sei zu dieser Zeit aber ein Dorf mit gerade einmal 800 Einwohnern gewesen, der heutige Stadtteil Hiesfeld weitaus bedeutender als die Nachbarortschaft. „Das Kreuz war einfach zu teuer und zu kostbar, als dass es man sich dort hätte leisten können“, meint Hahnen und hat sich auf eine historische Spurensuche begeben. In seiner Theorie bestärkt fühlt sich der Leiter des Geistlichen und Kulturellen Zentrums durch das Buch „Christus am Kreuz – Mittelalterliche Darstellungen der Passion in St. Vincentius in Dinslaken“ von Dr. Reinhard Karrenbrock.

Auch der Experte für mittelalterliche Kunst war wohl nach einer Untersuchung durch den Landschaftsverband Rheinland von 2009 bis 2011 und einer aufwendigen Sanierung des Dinslakener Triumphkreuzes zum Schluss gekommen, dass das Kloster Kamp als Herkunftsort in Frage kommt. Beweise gibt es dafür aber nicht. „Er hat mir den Floh ins Ohr gesetzt“, gibt Peter Hahnen zu. Kamp sei im Vergleich zu Dinslaken seit seiner Gründung im Jahr 1123 ein aufstrebender Ort gewesen. „Ein Sprinkler in der Wüste“, sagt er. Die Zisterzienser hätten nicht nur die Spiritualität, sondern auch die neuesten technischen Errungenschaften an den Niederrhein gebracht. „Sie hatten das Knowhow und gaben das Wissen, wie das Land zu kultivieren ist, an die Menschen in diesem Landstrich weiter. Sie kannten die neuesten Pflanzen und Gerätschaften.“ Aus Sicht von Peter Hahnen spricht vieles dafür, dass das um das Jahr 1300 im Rheinland aus einem Eichenstamm gefertigte Triumphkreuz für den Vorgängerbau der heutigen Abteikirche entstanden war. Um 1410 setzte laut Chronik eine erneute umfangreiche Bautätigkeit in der Kamper Klosterkirche ein. Seit 1425 gab es dort einen Lettner, der der den Chor- vom Kirchraum trennte. „Solch ein imposantes Kreuz hätte den Aufschwung von Kloster Kamp gespiegelt. Übrigens hat das Dinslakener Kreuz ursprünglich mal auf einem Lettner gestanden. Am Fuß findet sich ein Fortsatz, der als Verbindungsglied diente“, sagt der Geschäftsführer des Zentrums Kloster Kamp.

Weitere Indizien für seine Theorie fand Hahnen im Reliquien-Register von Kloster Kamp. Darin sind mehr als 800 Reliquien von 292 Heiligen aufgeführt. Darunter zum Beispiel ein Grasbüschel aus dem Garten Gethsemane, aber auch Reliquien des Heiligen Bernhard von Clairvaux und eines eng mit ihm befreundeten Mönches mit Namen Malachias. „Ein Großteil der im Dinslakener Triumphkreuz entdeckten Reliquien sind auch im Kamper Register verzeichnet. Es gab eine Übereinstimmung nach der anderen“, betont Hahnen. Was mit dem Kamper Kreuz letztendlich geschah, darüber lassen sich heute nur Vermutungen anstellen. Es verschwand, als Graf Adolf von Neuenahr-Moers im Truchsessischen Krieg bis Kloster Kamp vorrückte und die Kirche zerstört wurde. Vielleicht wurde das Kreuz im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen ebenso zerstört. „Es ist aber auch möglich, dass es verkauft wurde. Der Konvent war am Ende und hatte Schulden zu tilgen. Es könnte aber auch einfach weg geholt worden sein“, mutmaßt Peter Hahnen, der selbst unter dem Triumphkreuz von St. Vincentius in Dinslaken getauft wurde und die Heilige Kommunion erhalten hatte. „Für mich ist das sehr bewegend“, sagt Hahnen. Er zweifelt längst nicht mehr daran, dass seine Theorie stimmt. Wenn er heute bei Führungen in der Abteikirche gefragt wird, warum es dort eigentlich kein Kreuz gibt, dann erzählt er gerne diese Geschichte vom verschwundenen Kamper Kreuz.