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Kamp-Lintfort: Ärzte und Pflegekräfte unter Dauerbelastung

Corona-Pandemie in Kamp-Lintfort : Ärzte und Pflegekräfte unter Dauerbelastung

Was die „Covid-Dauerschleife“ dem medizinischen Personal im St.-Bernhard-Hospital zurzeit abverlangt: Jörg Verfürth, Leiter des Gesundheitszentrums und Sprecher des Hospitals, beschreibt im Interview die aktuelle Situation im Kamp-Lintforter Krankenhaus.

St.-Bernhard-Hospital, Donnerstag, 2. Dezember: Ärzte und Pflegekräfte betreuen zehn Patienten auf der Covid-Isolierstation, acht auf der Covid-Intensivstation, davon fünf mit Beatmung. Im Nicht-Covid-Intensivbereich liegen neun Patienten, vier Menschen werden hier beatmet. Die aktuelle Lage im Kamp-Lintforter Krankenhaus fordert von Ärzten und Pflegekräften hohe Flexibilität. Jörg Verfürth, Sprecher des Hospitals und Leiter des Gesundheitszentrums, berichtet im Interview, was die „Covid-Dauerschleife“ dem medizinischen Personal zurzeit abverlangt.

Herr Verfürth, wie hat sich im zweiten Jahr der Pandemie der Arbeitsalltag im St.-Bernhard-Hospital verändert?

Jörg Verfürth Nach einem Sommer mit Normalbetrieb und wenigen Covid-Fällen schlägt das Virus nun wieder, wie von den Experten prognostiziert, voll zu. Die rasante Entwicklung der Covid-Patienten im normalen Isolierbereich und auf der Intensivstation bereitet uns Sorgen und fordert von allen beteiligen Pflegekräften und Ärzten eine hohe Flexibilität und großes Engagement. Sorgen bereitet uns allen die sich entwickelnde Covid-Dauerschleife ohne die Möglichkeit der „Erholens“. Wir hoffen, unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen halten diese Dauerbelastung durch, auch wenn sie Unterstützung aus anderen Bereichen erhalten.

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Was macht Ihnen die Arbeit gerade jetzt in der vierten Welle schwer?

Verfürth Es kommt erschwerend hinzu, dass zunehmend Mitarbeiter ausfallen, weil es in der Familie (Ansteckung in Schule oder Kindergarten) positive Fälle gibt. Sie erkranken teilweise selbst oder müssen als Kontaktpersonen in Quarantäne. An Material fehlt es nicht, ab und an werden nur die Schnelltests knapp. Sorgen machen allen eher die knappen Personalressourcen. Ein Stück weit, auch wenn das im Moment noch weit weg scheint, machen sich die Kollegen auch Gedanken über eine mögliche Triagierung, wenn die Behandlungsressourcen vielleicht doch irgendwann nicht mehr ausreichen sollten. Auch die Haltung und Aggression von Impfgegnern macht den Kollegen zu schaffen.

Die Dauerbelastung im Krankenhaus ist groß, auch psychisch und emotional: Gibt es in Ihrem Haus Mitarbeiter, die wegen der Corona-Pandemie aufgegeben haben? Wie unterstützt das St.-Bernhard-Hospital sein Personal?

Verfürth Es hat natürlich Mitarbeiterwechsel gegeben, die Fluktuation ist aber nicht auffällig hoch. Einige Mitarbeiter haben aufgrund der Belastung aber ihre Arbeitszeit reduziert oder spielen mit dem Gedanken. Unterstützung gibt es durch Gesprächsangebote mit den Leitungen, dem Kriseninterventionsteam, der Mitarbeitervertretung oder dem Betriebsarzt. Es besteht auch die Möglichkeit, den Arbeitsbereich bei Überlastung zu wechseln.

Zu Beginn der Pandemie wurden Ärzte und Pfleger beklatscht. Heute ist das Klima in Politik und Gesellschaft deutlich angespannter. Wie steht es um die Wertschätzung Ihrer Arbeit heute? Erleben Sie im Krankenhausalltag ein deutlich aggressiveres Auftreten von Patienten und Angehörigen?

Verfürth Von der klatschenden Euphorie ist eigentlich nicht sehr viel geblieben, alle haben sich an diesen Zustand gewöhnt. Das Auftreten von Angehörigen und manchmal auch von Patienten ist in seltenen Fällen tatsächlich aggressiver geworden, da geht es meist um Besuchsrechte und -zeiten, die Statusabfrage nach Impfung oder den aktuellen Testergebnissen. Meist lässt sich die Situation aber durch Gespräche und Aufklärung gut lösen.

Als im Sommer die Inzidenz im Kreis Wesel fiel, blieb Ihr Haus vorsichtig. Haben Sie damals die vierte Welle schon auf uns zurollen sehen und wie haben Sie sich auf diesen Herbst/Winter vorbereitet?

Verfürth Wir waren weiter sehr vorsichtig, auch was die Besuchsregelungen betrifft, weil wir damit gut durch die ersten Wellen gekommen sind und müssen deswegen nicht wieder alles umstrukturieren. Materiell sind wir gut vorbereitet. Die Impfquote der Mitarbeiter liegt über 95 Prozent, und die Booster-Impfungen für alle Mitarbeiter haben wir Ende kommender Woche weitestgehend abgeschlossen.

Steht das St.-Bernhard-Hospital bereits vor der Situation, große Operationen verschieben zu müssen? Wie angespannt ist die Lage auf Ihrer Intensivstation?

Verfürth Auf den Intensivstationen werden seit Montag auf der einen Seite (High care) wegen maximaler Auslastung ausschließlich Covid-Patienten behandelt. Auf der anderen Seite (Low care) werden nun die „normalen“ Intensivpatienten mitbetreut, einschließlich der Beatmungstherapie. Dazu haben wir Personal aus anderen Bereichen wie Anästhesie oder Kardiologie rekrutiert. So können wir derzeit auch geplante große Eingriffe durchführen, allerdings wird die Lage mehrmals täglich bewertet, um kurzfristig umsteuern zu können.

Wie steht es um den Impfstatus der Patienten?

Verfürth Die Mehrheit aller Patienten verfügt über den vollständigen Impfstatus. Eindeutig festzustellen ist aber, dass die schweren und leider manchmal auch tödlichen Verläufe meist ungeimpfte Menschen betreffen.

Wie sehen die aktuellen Besuchsregeln in Ihrem Haus aus?

Ein Besucher je Patient je Tag für 30 Minuten (geimpft, genesen oder getestet). Der Test darf maximal 24 Stunden alt sein. In Kürze stellen wir aber um auf 2G plus Test um. Besucher sollten sich telefonisch Voranmeldung auf der Station anmelden. In Ausnahmesituationen – bei sterbenden Patienten und auf der Palliativstation – sind nach Absprache erweiterte Regelungen möglich.

Weihnachten steht vor der Tür: Haben die Mitarbeiter die Chance auf ein besinnliches Weihnachtsfest?

Verfürth Wenn sich die Situation so ungebremst weiterentwickelt und die vierte Welle durch geeignete Maßnahmen nicht gebrochen wird, blicken wir einem arbeitsreichen und anstrengenden Weihnachtsfest entgegen. Eine Urlaubssperre gibt es noch nicht, bisher konnten die Personalengpässe in Absprache mit den Teams organisiert werden. Der Organisationsaufwand für die Personalsteuerung ist natürlich erheblich.