Geschichten und Musik aus der Bergbauzeit in Kamp-Lintfort

Geschichten und Musik aus der Bergbauzeit in Kamp-Lintfort : Fünf erinnern an die Zeit im Pütt

Das Duisburger „Kreativquartier Ruhrort“ kreierte im ehemaligen Pumpenhaus eine musikalische Lesung.

„... und wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht“. Diese Zeile aus dem bekannten Steigerlied war der Titel einer Veranstaltung, zu der die Stadt Kamp-Lintfort am Samstagabend in das ehemalige Pumpenhaus auf dem Zechengelände eingeladen hatte.

In den Jahren des Abschieds vom Steinkohlebergbau verbinden viele mit diesem Lied Bilder von Knappenchören, die in Hallen oder sogar Arenen Tausende Ruhrgebietsbewohner zu Tränen rühren und zum Mitsingen bewegen in einer Welle von gemeinschaftlicher Wehmut angesichts der zu Ende gehenden Ära.

Das „Kreativquartier Ruhrort“, Veranstalter der musikalischen Lesung, lenkte mit den vorgetragenen Texten und Liedern den Blick jedoch auf eine realistische Betrachtung der Bergbau-Geschichte. Dass die Steinkohle-Ära nicht im Rückblick verklärt wird, sondern auf den realen Überlebenskampf der Bergleute hingewiesen wird, war der Initiative mit ihrer in Duisburg durchgeführten Veranstaltungsreihe „Hofkultur“ wichtig.

„Glück auf“- hinter diesem Gruß steht nämlich die stete Angst, aus den Tiefen der Schächte nicht wieder ans Tageslicht zu kommen. Genau das war jahrhundertelang auch eine begründete Sorge. Und so begann Barbara Wedekind die Lesung mit einem Gebet der Bergleute aus dem 17. Jahrhundert. Folkert Küpers gab einen Abriss der Geschichte des Ruhrgebiets-Bergbaus, der bereits 1302 mit den ersten Kohlefunden an der Ruhr seinen Anfang nahm. Im Gedicht des Dichters Novalis dominiert noch ein eher romantisches Bild, wenn es heißt, der Bergmann sein mit der Erde „inniglich vertraut und wird von ihr entzündet als wär sie seine Braut“.

Auch das Volkslied, vorgetragen von Detlef von Schmeling, seiner Tochter Eike und Clemens Graefen, spricht von der Dankbarkeit gegenüber dem Bergmann, der die Bodenschätze zutage fördert. In den Texten von Heinrich Kämpchen jedoch, der die Gefahren dieses Berufs Ende des 19. Jahrhunderts selbst erlebt hat, ist die Rede vom Berg als Monster und Vampir, der das Leben aus den Arbeitern he­raussaugt. Er spricht vom „armen Kohlengräberdasein“, von Krankheit und Elend und der Rechtlosigkeit der Bergleute, die gnadenlos ausgebeutet werden.

Küpers berichtete von den Schwierigkeiten der Bergleute, sich gewerkschaftlich zu organisieren, bis es dann 1889 zum größten Streik der deutschen Geschichte kam und sich mühsam Rechte wie die 8-Stunden-Schicht, mehr Sicherheitsmaßnahmen und Krankheitsgeld erkämpft wurden. Dennoch gab es viele Unglücke wie beispielsweise durch eine Schlagwetterexplosion auf der Zeche Monopol in Bergkamen im Jahr 1946, bei dem über 400 Menschen umkamen.

Die Lieder, die das Trio mit Gitarre, Bass und Querflöte vortrug, stammten zum Teil aus Großbritannien, wo der Arbeitskampf und das Sterben der Berg- und Stahlwerke mit kämpferischen Liedern besungen wurden. Auch das Lied von den Moorsoldaten, das 1933 im KZ Börgermoor entstand, steht für ein düsteres Kapitel der Geschichte.

Am Ende des Vortrags wurde es für die  Zuhörer dann doch noch ein wenig versöhnlich, als gemeinsam das Steigerlied gesungen wurde und jeder einen Schnaps und ein Stück Steinkohle als Erinnerung an die letzten Zechen überreicht bekam.

Das ehemalige Pumpenhaus, das 1906 zunächst als Theater gebaut und zuletzt als Ausbildungsstätte genutzt wurde, soll bald in neuem Glanz erstrahlen. Bis zur Landesgartenschau 2020 soll hier ein Informationszentrum entstehen, das von der Entstehung der Steinkohle bis zur Geschichte der Stadt Kamp-Lintfort spannende Einblicke gibt.

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