Elternpraktikum in Kamp-Lintfort: Und plötzlich ist ein Baby da.

Serie Keine Angst vor dem Jugendamt : Elternpraktikum: Und plötzlich ist ein Baby da

Das Kindernest in Kamp-Lintfort hat ein präventives Aufklärungsprojekt für Jugendliche installiert – mit Babysimulator.

Es ist mitten in der Nacht, und das Baby schreit. Will es gefüttert, gewickelt oder getröstet werden? Das Kindernest in Kamp-Lintfort, eine Kooperation von Stadt und Grafschafter Diakonie, lädt Jugendliche im Alter von 14 Jahren regelmäßig ein, vier Tage lang Eltern zur Probe zu sein und ein Baby eigenverantwortlich zu betreuen – rund um die Uhr. Der Säugling wirkt wie echt, ist aber nur ein Puppe, ein Babysimulator, der realistisch die Bedürfnisse eines Neugeborenen vermittelt.

Das präventive Aufklärungsprojekt, das im Kindernest angesiedelt ist, möchte jungen Menschen in Elternpraktika nahebringen, wie es ist, Mutter und Vater zu sein. Möglich wurde das Projekt vor einigen Jahren durch eine Spende des Lions Clubs Kamp-Lintfort in Höhe von 5000 Euro. Mit dem Geld wurden „Real Care Puppen“ angeschafft. „Da steckt sehr viel Elektronik drin“, sagt Petra Treeter, Erzieherin im Kindernest. Die Teilnehmer tragen vier Tage und vier Nächte ein ID am Handgelenk. „Sie ist die Verbindung zwischen Mutter und Kind. Die Puppen simulieren vier verschiedene Bedürfnisse eines Säuglings: wickeln, füttern, trösten und ein Bäuerchen machen. Die Elektronik registriert, ob sich die Mutter ums Kind gekümmert hat. Sie hat bei jeder Reaktion drei Minuten Zeit, um herauszufinden, was die Puppe will“, berichtet Treeter.

Das Real Care Baby kommuniziert über Geräusche, die auf Aufzeichnungen von Eltern Neugeborener beruhen. Die Teilnehmer bekommen so eine reale Vorstellung davon, was es bedeutet, 24 Stunden am Tag für jemanden zu sorgen. Während der vier Tage treffen sich die Jugendlichen täglich zum gemeinsamen Austausch mit der Leitung des Elternpraktikums. Es werden Themen wie eigene Lebensplanung, Verhütung, Kosten für ein Kind, Drogen, Alkohol und Tabakkonsum während der Schwangerschaft besprochen. Die persönlichen Erfahrungen, für ein Kind verantwortlich zu sein, sollen den Teilnehmern Denkanstöße für ihre eigenen Entscheidungen und Handlungen liefern – insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit der Sexualität. „Bisher hat nur ein Junge teilgenommen“, berichtet Petra Treeter. Das Projekt richtet sich aber auch an junge Paare und junge werdende Mütter.

Das Kindernest hat zwei weitere Puppen, die weit mehr als nur veranschaulichen, wie der Alltag mit einem Baby ist. Aufklärung tut Not. Mit einem dieser Simulatoren zeigen Treeter und ihre Kollegen, wie es bei einem Kind zu einem Schütteltrauma kommen kann. Schüttelt man die Puppe, simulieren Lichtblitze die Verletzungen im Kopf. „Und dies hier ist ein Baby, dessen Eltern Alkoholiker sind. Es ist viel kleiner als normale Babys und hat überhaupt keine Chance“, sagt Petra Treeter. Sie weiß, dass diese Puppe schockiert. „Aber es ist einfach zu wenigen klar, wie gefährlich Alkohol während der Schwangerschaft ist.“