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Eine Märchenerzählerin war zu Besuch im Caritreff.

Kamp-Lintfort : Märchen kommen nie aus der Mode

Im Kamp-Lintforter Caritreff gab es am Sonntag eine Märchenstunde. Erzählerin Silvia Knapp hat die Gäste im „Café Klatsch“ mit dem Klassiker „Rotkäppchen“ verzaubert.

Für Rotkäppchens Großmutter hat die letzte Stunde geschlagen, der böse Wolf verschlingt sie mit einem begierigen Laut. „Und weg biste“, ruft Anneliese Sablowski (76) in die Sonntagscafé-Runde. Im Caritreff bricht Gelächter aus. Auch Märchenerzählerin Silvia Knapp fällt kurz aus ihrer Rolle und lächelt breit, dann legt sich der Wolf ins Bett, zieht sich die Haube der Großmutter tief ins Gesicht und wartet aufs Rotkäppchen. Acht Damen und ein älterer Herr lauschen gebannt der Geschichte, deren glücklicher Ausgang jedem von ihnen bekannt ist. „Ich habe meinen Kindern früher immer Märchen vorgelesen. Mal schauen, wie spannend das heute wird“, hat Marion König (62) zuvor noch gesagt. Sie und ihre Freundinnen besuchen regelmäßig das Sonntagscafé, das vom Gemeinsamen Quartiersbüro Mitte organisiert wird. Dann essen sie Kuchen, erzählen, schauen gemeinsam Filme. Dass Knapp ihnen heute ein Märchen vorträgt, im langen Samtkleid und mit Handpuppen, ist eine Premiere. Zwischenrufe sind erlaubt, kratzende Kuchengabeln stören sie nicht – die Erzählstunde ist ein interaktives Miteinander. Schließlich verschlingt der Wolf auch Rotkäppchen, das gutgläubig gefragt hatte, warum seine Großmutter denn ein so „großes Maul“ habe. Er schläft ein, schnarcht laut. Knapps Art, das nachzuahmen, bringt ihr ein anerkennendes „Junge, Junge“ von Sablowski ein. „Mensch, du hörst doch sonst nie zu“, neckt Renate Beining (68) ihre Freundin. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, sprechen sie später alle gemeinsam den letzten Satz des Märchens mit. Doch damit ist die Zeit mit Knapp noch nicht vorbei, denn die holt nun alte Samtstoffe, Pelze und Zweige aus ihrer Schatzkiste hervor. Welcher Stoff ist älter, welcher Pelz stammt von welchem Tier, wie heißt der Baum, von dem dieser Zweig gepflückt wurde? Die Damen beantworten konzentriert Knapps Fragen (der einzige Herr ist wegen der drückenden Hitze nach Hause gegangen), erzählen von ihren eigenen Gärten, in denen sie früher Walnüsse gepflückt und daraus Weihnachtsbaumschmuck gebastelt haben. Und während sie Knapps Sprichwörter zum Thema Wald ergänzen, schenken ihnen die Mitarbeiter des Cafés, Jeanette Fritz, Kerstin Dregger und Omar Taiee immer wieder Kaffee nach oder bringen noch ein Stück Kuchen zu den Tischen. Der Caritreff – für alle Damen ist er ein Ort, an dem sie gerne zusammenkommen – nicht nur jeden zweiten und vierten Sonntag zum „Café Klatsch“. Marion König, die oft Schmerzen hat, genießt hier die Zeit mit ihren Freundinnen. Sie teilen zwar alle das Schicksal, ihren Mann verloren zu haben, doch gemeinsam wirken sie wie junge Menschen, die das Leben noch vor sich haben.

Knapp freut sich über einen gelungenen Märchennachmittag. Und wenn sie ihrer Tochter Melli (29) davon erzählt, wird diese sich wohl umso mehr freuen. „Sie hat es mir ermöglicht, heute hier zu sein“, erklärt Knapp. „Dazu muss ich sagen, dass Melli Epileptikerin ist und eine geistige Behinderung hat. Vor kurzem kam sie mit ihrer Betreuerin in den Caritreff und hat erwähnt, dass ich Märchenerzählerin bin. Daraufhin wurde ich gebucht. Sie sagte zu mir: ’Siehst du Mama, auch wir behinderten Menschen können etwas erreichen.“ Das hat Knapp, die ihrer Tochter vor Operationen Märchen erzählt hat, zu Tränen gerührt.