96 Hektar wäre die Auskiesungsfläche in Kamp-Lintfort groß

Kampf gegen den Kiesabbau : „Das Wickrather Feld ist unsere Heimat“

Widerstand gegen Regionalplan: Familie Rams wehrt sich gegen einen möglichen Kiesabbau direkt vor ihrer Haustüre.

Seit fast fünf Jahrzehnten wohnen Irmgard und Theo Rams im Dachsbruch. Gemeinsam haben sie an der Geraden Straße einen alten Kotten zum Wohnhaus umgebaut, vier Töchter groß gezogen und ein Unternehmen für Heizung und Sanitär aufgebaut. Das war nicht immer leicht, aber Irmgard und Theo Rams haben es gerne gemacht. Schwerer wiegt dagegen, dass sie in den vergangenen 20 Jahren dreimal ihre Heimat verteidigen mussten: 1996, 2008 und 2018. „Ich gebe zu, dass wir zuerst mutlos waren und resigniert haben, als wir im Februar erfuhren, dass das Wickrather Feld schon wieder ins Visier der Regionalplaner als möglicher Auskiesungsbereich geraten war“, sagt Theo Rams. Sieht doch die Neuaufstellung des Regionalplans, die der Regionalverband Ruhr erarbeitet hat, erneut eine Auskiesungsfläche mit einem Baggersee als Rekultivierungsziel direkt vor der Haustür von Familie Rams vor. Dieses Mal 96 Hektar, größer als jemals zuvor. Nach den aktuellen Plänen würde das Anwesen mitten im Abgrabungsbereich liegen.

„Wie eine Insel, umgeben von Kiesbaggern. Dabei hatten wir 2008 gedacht, es sei endgültig vorbei. Damals kam der Bereich nicht einmal mehr als Reservefläche in den Unterlagen vor. Er war aufgrund geringer Kiesschichten und der Wirtschaftlichkeit als ungeeignet abgelehnt worden.“ Die Resignation der Rams dauerte aber nicht lange an, dann war der Widerspruchsgeist geweckt. „Wir werden ganz bestimmt nicht verkaufen, sondern hier bleiben. Es ist unsere Heimat, hier leben unsere Nachbarn. Uns war klar, dass wir was tun müssen“, betont Irmgard Rams. Seither hat sich der Alltag des Ehepaars stark verändert.

„Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit dem Thema befasst sind. Wir stehen morgens mit dem Gedanken auf und gehen abends damit ins Bett“, erzählt das Paar. Es recherchiert, sucht Argumente, die gegen den Abbau auf der im Regionalplan eingezeichneten Fläche sprechen, und informiert unermüdlich die Bürger. Die Rams waren auf dem Stadtfest in Kamp-Lintfort mit einem Stand vertreten, auf dem Töpferfest in Sevelen und auf dem Pfarrfest in Kamp. In den Gesprächen geht es immer darum, was es für Städte wie Kamp-Lintfort bedeutet, wenn im Landesentwicklungsplan die Regelung von Konzentrationsflächen für den Kiesabbau aufgegeben und die Vorhalte-Zeit von Kiesflächen von 20 auf 25 Jahre verlängert würden. Aber auch darum, welch eine besondere Natur- und Kulturlandschaft im Wickrather Feld mit seinen Reit- und Wanderwegen verloren ginge. „Sand und Kies werden benötigt. Die Frage ist aber, wie wir mit unseren Ressourcen und Bodenschätzen umgehen. Recycling ist doch auch eine Möglichkeit.“ Demnächst wird das Ehepaar zusammen mit der IG Dachsbruch auf dem Martinsmarkt in Rheurdt sein, um die Menschen zu mobilisieren. Der Oermter Berg liegt in direkter Nähe zum ausgeguckten Auskiesungsbereich. Gleichzeitig suchen Irmgard und Theo Rams den Kontakt zu Politikern in Stadt, Kreis und Land. „Vor kurzen waren Leute vom RVR da, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Demnächst erwarten wir eine Landespolitikerin.“ Irmgard und Theo Rams sind nicht alleine. Der Kampf gegen die Kies-Pläne hat nicht nur die Nachbarschaft enger zusammengeschweißt, eine Interessengemeinschaft hat sich gegründet. Die Anwohner erhalten große Unterstützung aus der Bevölkerung. „Mich haben Leute angesprochen, die ich gar nicht kannte: ,Wir helfen Euch‘, haben Sie gesagt“, so Rams. Das bringen die Unterschriftenlisten, die die Interessengemeinschaft Dachsbruch seit Juli sammelt, deutlich zum Ausdruck: 8000 Menschen haben auf Papier unterschrieben, 1800 im Internet.

„Es kann jeder Bürger, der nicht will, dass im Wickrather Feld nach Kies gegraben wird, Einspruch einlegen“, betont Rams. Die Einspruchsfrist endet am 28. Februar. „Unsere Interessengemeinschaft hat ein Schreiben aufgesetzt, das sich jeder im Internet herunterladen und als Brief an die zuständigen Behörden senden kann.“ Diese seien verpflichtet, die Pläne öffentlich auszulegen und Stellungnahmen entgegenzunehmen.“ Oft wird Theo Rams gefragt, warum er sich diesen nervenaufreibenden Widerstand antut. „Ja, uns geht es gut. Unser Leben füllt uns aus“, sagt der Kamp-Lintforter, der seit neun Jahren im Ruhestand ist. „Uns ist aber durch die Beschäftigung mit unseren eigenen Situation klar geworden, welche Folgen der Kiesabbau für den gesamten Niederrhein und die nachfolgenden Generationen hat, also unsere Kinder und Kindeskinder.“