Kaarst: Wenn die Familie mehr schadet als hilft

Kaarst: Wenn die Familie mehr schadet als hilft

In Situationen, die das Kindeswohl gefährden, muss sofort gehandelt werden, Kinder werden in Obhut genommen. Detlef Wiecha, Geschäftsführer der evangelischen Jugend- und Familienhilfe, gibt Einblicke in ein sensibles Thema.

Wenn das Wohl des Kindes gefährdet ist, dann muss es raus aus dem familiären Umfeld. In Kaarst hat es im vergangenen Jahr 18 dieser sogenannten Inobhutnahmen gegeben. Die Entscheidung für eine solche Maßnahme fällt das Jugendamt. Was folgt, liegt zu großen Teilen in den Händen von Einrichtungen wie der evangelischen Jugend- und Familienhilfe in Büttgen.

Für 25 Jugendämter - vom Rhein-Kreis Neuss über Heinsberg bis Viersen - ist die Einrichtung an 365 Tagen rund um die Uhr im Einsatz. Zwischen 900 und 1000 Kinder werden insgesamt pro Jahr in Obhut genommen. "Mit 18 Fällen liegt Kaarst gemessen an seiner Einwohnerzahl und Sozialstruktur im Durchschnitt", sagt Geschäftsführer Detlef Wiecha.

Seit 1983 gibt es in der Einrichtung die pädagogische Ambulanz. Eine Schutzstelle für Kinder und Jugendliche, die sich in einer akuten Krisensituation oder in einem Entscheidungsfindungsprozess befinden. In Obhut genommen werden Kinder im Alter von 0 bis 17 Jahren, die je nach Alter und Geschlecht kurzfristig stationär betreut werden, bis eine Lösung gefunden werden konnte. Auf die Frage, wie lange die Schutzbedürftigen bleiben, sagt Wiecha: "So kurz wie möglich, so lange wie nötig." Es komme auf den jeweiligen Fall an und wie viel Zeit man brauche, um zu klären, welche Unterstützung die Familie benötigt. Meistens liege die Zeitspanne bei vier bis sechs Wochen. "Man darf nicht vergessen", so der 54-Jährige, "dass eine Inobhutnahme ein sehr großer Eingriff für das Kind ist und viel Verunsicherung bedeutet." Darum ist die Beziehung zum betroffenen Kind/Jugendlichen immer sehr intensiv, auch wenn von Anfang an klar ist, dass sie nur auf Zeit ist.

Foto: Carolin Skiba

Betroffen sind nicht nur sozial schwache Familien, sondern auch gut situierte. "Man kann beim Thema Gewalt aber schon sagen, dass es bei besser gestellten Familien eher die psychische und bei Brennpunktfamilien körperliche Gewalt ist, wobei das eine nicht besser als das andere ist." Der Grund für eine Inobhutnahme ist aber nicht immer nur Gewalt. Auch Verwahrlosung der Kinder oder Eltern ist ein Thema, genau wie psychische Erkrankungen und Überforderung. "Es sind alle Themenfelder, die dazu führen, dass man sich räumlich trennen muss."

Ob die Kinder wieder zurück in die Familien kommen, hängt von vielen Faktoren ab. "Über Gesprächsprozesse in der Krisenintervention ergeben sich viele Sichtweisen. Es geht darum, zu verstehen, wie die Situation so eskalieren konnte", sagt Wiecha. Manche Eltern seien selbst erschrocken, wie es so weit kommen konnte, "das ist natürlich ein ganz anderer Ansatzpunkt". Und bei anderen wisse man, das Kind wird es zuhause nicht besser haben, wenn es zurückkehrt.

Haben es Kinder schwerer, die aus der Familie genommen wurden? Wiecha ist überzeugt, dass Verhaltensweisen verändert werden können. "Die Grundannahme bei uns ist, dass keiner verhaltenssauffällig geboren wird. Auch Eltern nicht." Nicht alle Kinder würden einen geraden Weg gehen, "aber einige schaffen es, Verhaltensmuster zu durchbrechen".

(NGZ)