1. NRW
  2. Städte
  3. Kaarst

Kaarst: "Weltgrößtes Ikea passt nicht zu Kaarst"

Kaarst : "Weltgrößtes Ikea passt nicht zu Kaarst"

Seit dieser Woche haben die Kaarster die Möglichkeit, sich über das Rahmenkonzept für das künftige Gewerbegebiet Hüngert II zu informieren. Alle Pläne sind im Rathaus ausgestellt. Die NGZ sprach darüber mit Franjo Rademacher, Vorsitzender des Förderkreises Holzbüttgen.

Herr Rademacher, die Rahmenplanung liegt jetzt öffentlich aus, auch der Förderkreis war daran im Workshop beteiligt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Rademacher Der vorliegende Planungsvorschlag ist sehr professionell und differenziert erarbeitet. Das Ergebnis ist bis auf die ein wenig zu dünn geratene Grünplanung umfassend dargestellt und beschrieben. Es bietet eine solide Grundlage für die weitere politische Diskussion.

Also sind Sie mit allem einverstanden?

Rademacher Nein. Unsere volle Zustimmung haben die Ergebnisse nicht. Wesentliche Forderungen finden wir darin nicht wieder.

Die da wären?

Rademacher Unsere Empfehlungen und Forderungen sind folgende: 1. Kein Durchprügeln der Rahmenplanung unter großem Zeitdruck. 2. Eine Reduzierung der Ikea-Größe. 3. Intensive Eingrünung der Ikea-Gebäudeseiten, die in Richtung Büttgen und Holzbüttgen zeigen. 4. Reduzierung der Parkflächen nach dem von uns entwickelten Modell. 5. Eine freiwillige Reduzierung des Gewerbegebietes für die nächsten zehn bis 15 Jahre auf die jetzt der Stadt gehörenden Flächen mit ca 300 000 Quadratmetern, um diese zunächst beispielhaft zu gestalten.

Weitere Punkte?

Rademacher 6. Sofortige Inangriffnahme des Rahmenplanvorschlags, die heute bestehenden ungeordneten Gewerbegebietsteile zu ordnen und ansprechend zu gestalten. 7. Die Realisierung eines Grünordnungsplanes unter Berücksichtigung einer intensiven, straßenbegleitenden Begrünung der K 37n und des Schutzes der ländlich geprägten Landschaft. 8. Rücknahme der geplanten Einbahnstraßenregelung im vorderen Teilabschnitt der K 37n. 9. Überprüfung des Verkehrskonzeptes mit dem Ziel eines rigorosen, konsequenten Schutzes der Wohngebiete. 10. Konkrete Vorschläge des Bürgermeisters, wie der von ihm versprochene Schutz und Erhalt der Lebens- und Wohnqualität Holzbüttgens konkret sichergestellt werden kann.

Okay — was sagt Ihnen der Rahmenplan sonst noch?

Rademacher Zum ersten Mal wird jetzt auch optisch deutlich, mit welch gigantischen Ausmaßen Kaarst hier konfrontiert ist. Zwischen Erfolg oder grandiosem Scheitern dieses Generationenprojekts liegt nur ein schmaler Grat.

Das heißt im Klartext?

Rademacher Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich bin mit der Verwaltungsspitze und der Politik einig, dass es für die Zukunft unserer Stadt wichtig ist, Mittelstand und Handwerk zu fördern, gute Arbeitsplätze zu schaffen, solide Unternehmen anzusiedeln, die möglichst viel Gewerbesteuern zahlen und nicht zuletzt durch eine kluge Grundstückspolitik zusätzliches Geld in die Kassen zu bekommen. Aber all das darf nicht das alles beherrschende Ziel verantwortlicher Politik sein.

Sondern?

Rademacher Genauso wichtig ist es, wie der Bürgermeister ja nicht müde wird zu betonen, die Lebens- und Wohnqualität von Holzbüttgen, das ja die Hauptlast der Gewerbeansiedlung tragen wird, zu erhalten und zu stärken, den Wohnwert der Immobilien durch kluge Entscheidungen zu sichern und junge Familien anzulocken. Aufgabe der Verantwortlichen ist es jetzt, das eine Ziel dem anderen nicht zu opfern. In der Auseinandersetzung um den richtigen Weg steckt zu Recht viel Konfliktpotenzial.

Was können die Kaarster zur Suche nach dem "goldenen Weg" beitragen?

Rademacher Wir müssen mögliche Schieflagen und Fehlentwicklungen rechtzeitig benennen und uns couragiert dafür einsetzten, sie zu verhindern.

Jetzt ist ja so ein Rahmenplan auf den ersten Blick recht schwer zu überschauen. Auf welche Punkte sollten die Bürger ihr Augenmerk legen?

Rademacher Die Rahmenplanung offenbart bei näherem Hinsehen die Schwächen des Projektes. Erstens: Im mit den bestehenden Gewerbegebieten bereits heute sehr verdichtetem Holzbüttgen ist eine solche Erweiterung mit mehr als 500 000 Quadratmetern Fläche im Endausbau direkt am Ortsrand unverantwortbar. Nach meiner tiefen Überzeugung ist das aus wirtschaftlichen Gründen für die Stadt Kaarst so auch nicht notwendig.

Und zweitens?

Rademacher Schauen wir uns die Ikea-Umsiedlung an. Ich kenne kaum jemanden in Kaarst, der auf Ikea verzichten möchte. Wir auch nicht. Ikea Kaarst ist bis heute das renditestärkste Haus der Ikea-Familie und — durchaus ein Markenzeichen für unsere Stadt. Aber das, was jetzt als "Umsiedlung mit Modernisierung" verkauft wird, grenzt an Etikettenschwindel. Aus dem bisher kleinsten Haus wird über Nacht das weltgrößte Ikea-Haus mit 2000 Parkplätzen. Und das ist nicht alles: Ikea mit seinen 120 000 Quadratmetern macht gerade mal 25 Prozent dessen aus, was die Rahmenplanung ansonsten ausweist. Unsere Meinung ist: Nicht alles, was rechtlich möglich ist, ist auch sinnvoll und verantwortbar.

Sie sind nicht nur Vorsitzender des Förderkreises, sondern auch CDU-Ortsverbandschef. Werden Sie Ihre Positionen auch in der Partei und den politischen Gremien so vertreten?

Rademacher Selbstverständlich.

Julia Hagenacker führte das Gespräch.

(NGZ/rl)