Kaarst: Vom Industriestandort zum Wohngebiet

Kaarst : Vom Industriestandort zum Wohngebiet

Mit der Sprengung des Kamins der Düngemittelfabrik Stodiek verschwand 2001 das Wahrzeichen für den Industriestandort Kaarst. Dort, wo seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts das Streugut Superphosphat produziert wurde, entstanden später Doppel- und Reihenhäuser.

5. Mai 2001, 15.15 Uhr. Es ist ein Ereignis der jüngeren Stadtgeschichte, das 1500 Schaulustige anlockt. Ein großer Knall, und der 68 Meter hohe Schornstein sackt in sich und in einer Wolke aus Schutt und Asche zusammen. Mit der Sprengung des Kamins der Düngemittelfabrik Stodiek ist das Wahrzeichen für den Industriestandort Kaarst verschwunden.

Eine Luftaufnahme des Stodiek-Geländes aus den 60er Jahren. Foto: Stadtarchiv Kaarst

Der Ursprung des Unternehmens liegt in Löhne, wo es 1875 gegründet wurde. In den Jahren 1904/1905 entstand das erste Gebäude des Kaarster Werks und die Produktion startete. Die erste Produktionsstätte blieb bis zum Ende erhalten, es wurden im Laufe der Zeit nur weitere Lagerhallen hinzugebaut. Über eine eigene Gleisanlage lieferten Güterzüge die Rohstoffe aus Algerien, Marokko und Russland an.

Heute ist das Gelände ein Wohngebiet. Foto: lothar berns

Hauptprodukt von Stodiek war das Streugut Superphosphat. Nach dem Liebig-Verfahren wurde das Rohphosphat mit Schwefelsäure quasi aufgeschlossen, damit die Pflanzen direkt an das Phosphat gelangten. In ganz Deutschland wurde das Düngemittel vertrieben. In den 1950er Jahren gab es 50 Werke im Land, heute stellt ein einziges noch Superphosphat her. Umsatzeinbrüche waren allerdings nicht der Grund zur schrittweisen Schließung Stodieks in den Jahren 1991/92. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen noch eine Kapazität von 100 000 Tonnen Phosphatdünger pro Jahr. "Es war kaum noch möglich, solche Produkte in Deutschland herzustellen. Die Emissionsgesetze machten es schwerer, die Neubürger klagten über Geruch und Lärm", sagt Hans-Peter Hüsen.

Der 82-Jährige fing 1948 als Schlosser bei Stodiek an, bildete sich zum Maschinenbautechniker fort und hörte 1992 als Werksleiter dort auf. Rund 15 Jahre war er verantwortlich für die Kaarster Fabrik, die bis dato einer der größten Arbeitgeber der Stadt war. In der Hauptzeit arbeiteten bis zu 300 Menschen im Werk. Viele Kaarster Bauern haben in der Saison bei Stodiek Schubkarren geschoben und zusätzliches Geld verdient. Später, als Maschinen mehr Arbeit übernahmen, waren 80 Leute in drei Schichten rund um die Uhr im Werk beschäftigt. Und manchmal waren auch ganz einfache Ideen sehr effizient. "Ich habe die Türen aufbrechen lassen. Wo vorher die Schubkarren durchgeschoben wurden, passten dann Hublader mit dem Zehnfachen durch", erzählt Hüsen.

Vor der Sprengung des Schornsteins sorgte der Brand einer mit Kartons bestückten Lagerhalle im Jahr 2000 für einen der größten Einsätze der Kaarster Feuerwehrgeschichte. Später entwickelte sich auf dem 60 000 Quadratmeter großen Gelände sukzessive das Wohngebiet "An der Sonnenuhr" mit 54 Doppel- und Reihenhäusern sowie Wohnungsbau. Zuvor musste allerdings eine Altlast von 12000 Tonnen entsorgt werden. In einer durch Sandabbau entstandenen Grube hatte über die Jahre nicht nur Stodiek, sondern auch die Dorfgemeinschaft ihren Metallschrott hineingeworfen.

(NGZ)