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Kaarst: Vom Analphabeten zum Autor

Kaarst : Vom Analphabeten zum Autor

Als Jugendlicher konnte Tim-Thilo Fellmer weder richtig lesen noch schreiben. Als Mittzwanziger begann er schließlich, sich selbst zu alphabetisieren. Gestern las der Kinderbuchautor Schülern der Astrid-Lindgren-Schule vor.

Eine volle Stunde saßen die Dritt- und Viertklässler der Astrid-Lindgren-Schule still auf ihren Sitzen und hörten aufmerksam zu, als Autor Tim-Thilo Fellmer aus seinem Buch "Fuffi der Wusel" las. Das Besondere war aber nicht allein die Geschichte um das 1,05 Meter große Fabelwesen mit der roten Locke am Bauchnabel; als Fellmer im Alter seiner Zuhörer war, konnte er weder lesen noch schreiben.

Als Mittzwanziger begann er, sich selbst zu alphabetisieren und besuchte Kurse bei der Volkshochschule sowie bei kirchlichen und sozialen Trägern. Zehn Jahre dauerte es, bis er sich an sein Erstlingswerk wagte. "Fast fünf Jahre habe ich dafür gebraucht, und auch dabei noch Lesen und Schreiben gelernt", erzählte Fellmer. Den Wunsch, Schriftsteller zu werden, hatte er dementsprechend als Kind nicht. "Ich wusste nicht, was Bücher überhaupt bedeuten", sagte er. Den Grundschülern machte er Mut: "Ich habt mir so viel Fantasie gezeigt, dass ihr euch auch selber Geschichten ausdenken und schreiben könnt".

Der Kinderbuchautor ist heute 44 Jahre alt. Zu seiner Schulzeit in den 1970er Jahren war die individuelle Förderung von Kindern gar nicht gegeben. In der zweiten Klasse wurde bei Tim-Thilo Fellmer Legasthenie diagnostiziert. "Die Lehrer waren darauf nicht vorbereitet und wussten nicht damit umzugehen", sagt Fellmer. Die Pädagogen sorgten dafür, dass er sich bis zum Hauptschulabschluss mogelte. Seine Deutschnote wurde anders bewertet als die seiner Mitschüler, statt eines Diktats musste er nur Texte abschreiben.

Um die Überforderung und den Leidensdruck zu kompensieren, entwickelte sich Tim-Thilo Fellmer zum Klassenrüpel. Mit 20 Jahren veränderte sich sein Wertesystem. "Ich fühlte mich als Versager", erinnerte er sich. Dass er den großen Prozess der Alphabetisierung schaffen würde, glaubte er anfangs selbst nicht. Doch er sah es als letzte Chance an.

Die fehlende Hilfe in seiner Kindheit bezeichnet Fellmer als Systemproblem, das auch heute noch besteht. Große Schulklassen gab es damals wie heute. Eine Studie des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung sagt, dass 7,5 Millionen Deutsche zwischen 18 und 64 Jahre eine Lese- und Schreibschwäche haben. Die nicht offiziell erfasste Zahl von Kindern und Jugendlichen sowie Menschen über 64 Jahre erhöht die Quote. Rund 13,5 Millionen Menschen können nicht mehr als einen kurzen Text lesen.

Der Buchautor war auf Einladung des Fördervereins der Volkshochschule gekommen. Seine Erfahrungen als Kind gab er in einem Vortrag den Kaarster Lesepartnern weiter. Jeder Lesepartner trifft sich einmal die Woche mit einem Patenkind, um gemeinsam zu lesen, sie an die Bücher heranzuführen und Mut zu machen.

(NGZ)