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Kaarst: Viele Fragen zum Thema Journalismus

Kaarst : Viele Fragen zum Thema Journalismus

In der Rathausgalerie hat der Autor Ulrich Teusch jetzt einen Vortrag zum Thema Medien und Journalismus gehalten - als Ergänzung zu seinem aktuellen Buch. Rund 50 Zuschauer waren gekommen und diskutierten lange mit dem Autor.

Lügenpresse ist ein Schlagwort, mit dem Medienvertreter und ihre Arbeit diskreditiert werden sollen. Der Professor für Politikwissenschaft, Publizist und Sachbuchautor Ulrich Teusch setzt der "Lügenpresse" die "Lückenpresse" entgegen. So heißt auch sein neuestes Buch, dass er jetzt im Rahmen der Vortragsreihe "Dialog Zukunft" vorstellte. Der 60-Jährige zeigte bedenkliche Tendenzen beim Journalismus der Gegenwart auf.

Ein wichtiger Begriff in seinem 70-minütigen Vortrag: Mainstream. Die etablierten Medien, die dominanten Medien, betrachteten sich als Teil dieses "Hauptstroms", der die Mitte der Gesellschaft mit Informationen versorgt. Teusch weiß, dass absolute Objektivität Utopie ist, ein unerreichbares Ziel. Dem sehr nahegekommen sei Peter Scholl-Latour. Der Autor kann mit dem Vorwurf, die Medien seien zu wenig kritisch, nichts anfangen: "Journalismus muss diskursiv sein, der muss Diskussionen in Gang bringen, eine Debatte in der Gesellschaft auslösen auf möglichst breiter Basis."

Eine Rolle in dem Vortrag spielte auch ein Begriff aus den Sozialwissenschaften: Es geht um das Narrativ, um eine Erzählung, die die Einfluss auf die Art hat, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Für Journalisten bedeuteten Narrative Erwartungsdruck: "Wenn ihre Texte ins Narrativ passen, ist alles gut, wenn nicht, erleiden sie das Lückenschicksal, das heißt, sie werden nicht veröffentlicht." Nein, ein Putin-Versteher sei er nicht, trotzdem beobachte er immer wieder das sogenannte Russland-Narrativ. Was zum Beispiel nicht ins Narrativ passe und seiner Meinung nach deshalb auch nicht kommuniziert werde: "In dem Macholand Russland werden 45 Prozent der Unternehmen von Frauen geführt, in Deutschland sind es gerade mal 15 Prozent." Die Auswahl der Nachrichten weise zunehmend mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede auf, findet der Autor. Teusch sprach in diesem Zusammenhang von einer Homogenisierung der Medien. Sein Credo lautet: "Lücken entstehen nicht zufällig, sie sind gewollt."

Der 60-Jährige sieht mittlerweile alle Medien kritisch, wobei ihm die öffentlich-rechtlichen noch am liebsten sind. Vor allem die Privaten sieht er naturgemäß als Linker kritisch: "Das sind ja oft keine reinen Medienkonzerne, sondern mit der Industrie verflochten. Was er rückblickend beklagt: "In den 1960er und 1970er Jahren ging es um Veränderungen, das Wort "Reform" hatte einen positiven Klang. Teusch ist froh, dass es Alternativmedien und das Internet gibt, die Lücken der etablierten Medien dankend füllen. Christoph Claßen von der VHS ist verantwortlich für die "Dialog Zukunft"-Reihe und zeigte sich zufrieden mit der Veranstaltung. "Es war ein inhaltlich sehr fundierter Vortrag, sehr sachlich und gut strukturiert, der gut in unser Format Dialog Zukunft passt." Das empfanden auch die rund 50 Zuschauer so, die viele Fragen stellten und lange mit dem Autor diskutierten. "Ulrich Teusch hat sich viel Zeit genommen und die Fragen der Zuschauer ausführlich beantwortet."

(NGZ)