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Kaarst: Tagesväter in Kaarst noch die Ausnahme

Kaarst : Tagesväter in Kaarst noch die Ausnahme

Vor sechs Jahren ist Bernd Bremer in die Tageskinderpflege eingestiegen. Er betreut zurzeit drei Kinder unter drei.

Jeden Vormittag gehört seine volle Aufmerksamkeit nur einer einzigen jungen Dame. Bernd Bremer ist Tagesvater in Kaarst, betreut ein zweijähriges Mädchen zehn Stunden am Tag und an drei Nachmittagen die Woche zwei weitere Kinder unter drei Jahre. Als Mann ist der 44-Jährige in der Kindertagespflege eine Ausnahmeerscheinung, auf den Straßen und an den Wursttheken aber längst ein bekanntes Gesicht. Unter derzeit 40 Kindertagespflegepersonen in Kaarst gibt es zwei Männer, ein dritter befindet sich gerade in der Ausbildung.

Sein Einstieg in die Kindertagespflege, die immer noch mehr eine Frauendomäne ist, vor sechs Jahren gestaltete sich schwierig. Wobei nicht unbedingt die Eltern, sondern andere Verwandte und Außenstehende ihn skeptisch betrachteten. "Die Eltern heutzutage sind modern genug. Die Kinder sind im Kindergarten und der Grundschule meist nur von Frauen umgeben, da sind viele alleinerziehende Mütter, aber auch Paare froh, wenn es eine männliche Bezugsperson gibt", sagt Bremer.

Ab 1. August bekommt der Tagesvater für seine Arbeit die erste Lohnerhöhung seit vier Jahren. Die Stadt Kaarst zahlt ihm für die Vollzeitbetreuung eines Kindes, also 45 Stunden in der Woche, eine Monatspauschale von 708 statt wie bisher 670 Euro. Hört sich zunächst gut an, doch unterm Strich steht ein Stundenlohn von 3,66 Euro — brutto. Aufstocken könnte er ihn mit der Möglichkeit, bis zu fünf Kinder gleichzeitig betreuen zu dürfen. "Aber keine Tagespflegeperson hat fünf Vollzeitkinder", so Bremer. Zudem werde die Frage des Geldes schöngerechnet, sagt er, denn die Monatspauschale beinhalte auch 300 Euro Betriebskosten.

Für eine vernünftige Betreuung seiner Schützlinge verzichtet Bernd Bremer auf die Mieteinnahme einer Wohnung in seinem Zwei-Familien-Haus. Stattdessen nutzt er die Räume als Spiel- und Schlafzimmer für die Kinder. Als Selbstständiger müsse er zudem Leistungen wie Kranken- und Rentenversicherung komplett selbst übernehmen.

Den Tagesvater ärgert zudem, dass die Betreuungsgelder je nach Stadt variieren. So erhöht die Stadt Neuss demnächst den Stundenlohn von 4,50 auf fünf Euro, andere Kommunen zahlen dagegen nur 2,20 Euro. Durch Zusatzzahlungen der Eltern stocken viele Tagesmütter und -väter ihr Gehalt auf. "Diese sind zwar freiwillig, doch ohne würden sie sonst keine Betreuung finden", sagt Bremer.

Der Kaarster fordert eine bundeseinheitliche Regelung, erst recht vor dem Hintergrund des kommenden Rechtsanspruchs von Eltern auf einen U3-Betreuungsplatz zum 1. August. Dann bekämen die Tageseltern auch erstmals eine Lobby, so Bremer, denn die Stadt werde auf sie angewiesen sein, um den Bedarf zu decken. Doch irgendwann, das weiß Bremer auch, werde der Punkt kommen, an dem genug Kita-Plätze vorhanden sind und die Tageseltern in Konkurrenz zu den Einrichtungen stehen werden.

(NGZ/rl)