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Kaarst: Suche nach dem Stern von Betlehem

Kaarst : Suche nach dem Stern von Betlehem

Gegen Ende des 1. Jh. v. Chr. zeigte sich über dem Vorderen Orient der Stern von Betlehem, der den Weisen den Weg zum Geburtsort von Jesus wies. Das Erscheinen des Sterns ist zudem die Erfüllung einer Prophezeiung aus dem Alten Testament.

Michael Biermann, Astronom aus Kaarst und gläubiger Christ, befasst sich mit dem Spannungsfeld zwischen Bibel und Wissenschaft.

Wann genau er sich entschlossen hat, Astronom werden zu wollen, weiß Michael Biermann gar nicht mehr genau. Früh. Auf jeden Fall war er noch nicht auf dem Gymnasium. Damals hatte er ein Buch von Isaac Asimov mit dem Titel "Die Schwarzen Löcher" gelesen. "Mir war schnell klar, dass ich das alles und noch viel mehr über das Weltall besser und genauer verstehen musste", sagt Biermann. Und so wurde er also Wissenschaftler — einer, der hauptberuflich in den Himmel guckt.

Heute arbeitet der 42-Jährige in der Landessternwarte in Heidelberg und ist verantwortlich für die Bewertung der Datenqualität des künftigen Astronomiesateliten Gaia der europäischen Weltraumorganisation ESA. Bis 1996, als er zum Studieren und Promovieren nach Heidelberg zog, lebte Biermann in Kaarst. Über seinen Schützenzug "Junge Treue Brüder" und die Familie steht er mit der Heimat noch immer in engem Kontakt.

Zum Leben hat für den 42-Jährigen auch immer die Kirche gehört. "Ich denke, dass ich sagen kann, ein gläubiger Mensch zu sein", sagte er. "Mein Beruf als Wissenschaftler hat mich nie daran gehindert, an meinem Glauben festzuhalten. Ganz im Gegenteil — Naturwissenschaft und Religion ergänzen sich beide hervorragend." Ein Beispiel: der Stern von Betlehem.

Für Christen sind das Weihnachtsfest und die Geburt Christi untrennbar mit diesem astronomischen Ereignis verbunden: Gegen Ende des 1. Jh. v. Chr. zeigte sich über dem Vorderen Orient der Stern von Betlehem, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg zum Geburtsort von Jesus wies. Das Erscheinen des Sterns ist zudem die Erfüllung einer Prophezeiung aus dem Alten Testament (4. Mose 24, 17). Seither versuchen Menschen zu ergründen, was der Stern von Betlehem wohl gewesen sein mag.

"Im Wesentlichen", sagt Biermann, "gibt es heute wohl zwei bevorzugte Deutungsansätze, dem Stern von Betlehem einen tatsächlichen astronomischen Hintergrund zu geben. Der erste geht auf Johannes Kepler zurück, der im Jahr 1604 eine stella nova — eine Supernova — am Himmel entdeckte, die wochenlang so hell wie Jupiter leuchtete.

Ganz in der Nähe am Himmel konnten zeitlich Jupiter und Mars sehr nahe beieinanderstehend beobachtet werden, und wenige Monate zuvor hatten sich Jupiter und Saturn am Himmel getroffen. Kepler nahm deshalb an, dass solche Planetenkonjunktionen immer das Auftreten neuer Sterne ankündigten. Er berechnete, ob es um die Geburt Christi herum ebenfalls eine auffällige Konjunktion gab. Und tatsächlich — in den Jahren 6 und 7 v. Chr. trafen sich Jupiter und Saturn.

Aus astrologischer Sicht war das überzeugend, denn der Planet Jupiter symbolisierte das Königtum, während Saturn aus römischer Sicht den Gott verkörperte, den die Juden als Jehova anbeteten. Dieses Datum passte für Kepler gut zu dem — bis heute auch von vielen Historikern — angenommen Todesjahr von Herodes, 4 v. Chr. Kepler nahm also an, dass der Planetenkonjunktion 6 v. Chr. ebenfalls ein neuer Stern, eben der Stern von Betlehem, gefolgt sei.

Der zweite Deutungsansatz geht davon aus, dass die Weisen aus dem Morgenland einem Kometen gefolgt sind. "Insbesondere die Aussage, dass der Stern vor den Weisen herging, weist auf einen Kometen hin, weil sich Kometen am Himmel über mehrere Tage sichtbar bewegen", sagt Biermann. "Die Kometen-Hypothese war besonders im Mittelalter populär. So hat der berühmte Maler Giotto di Bondone ein eindrucksvolles Fresko in der Arena-Kapelle in Padua geschaffen, auf dem der Halleysche Komet, der 1301 in Norditalien zu sehen war, über dem Stall in Betlehem zu sehen ist.

Nur gab es zur Zeit Jesu Geburt, die nach heutiger Meinung zwischen 8 und 4 v. Chr. stattgefunden haben muss, keinen Kometen, der hinreichend hell und damit erwähnenswert gewesen wäre. Der Wissenschaftler Nikos Kokkinos berechnete die Lebensdaten Christi aufgrund römischer Texte und des Neuen Testaments neu und kam zu dem Schluss, dass Jesus nicht, wie heute allgemein angenommen wird, 33 n. Chr., sondern 36 n. Chr. gekreuzigt und demnach 12 v. Chr. geboren wurde. Zu dieser Zeit war der Halleysche Komet am Himmel zu sehen."

Schließlich sehen viele Theologen und Historiker im Stern von Betlehem heute eher eine Legende als eine historische Tatsache, die "nur noch" eine theologische Funktion erfüllt. "Vielleicht", sagt Biermann, "hat ein heller Komet aus dem Jahr 44 v. Chr. den Verfasser des Matthäus-Evangeliums angeregt, das Motiv eines Sterns über Betlehem einzuführen, denn der wurde während römischer Festspiele gesichtet, die der spätere Kaiser Augustus zu Ehren des ermordeten Julius Cäsars abhalten ließ.

Als direkte Vorlage der christlichen Geschichte mag auch die Reise des armenischen Königs Tiridates herhalten, der sich 66 n. Chr. als östlicher König dem westlichen, römischen Kaiser Nero unterwarf, während am Himmel der Halleysche Komet zu sehen war. Ob es den Stern von Betlehem wirklich gegeben hat, und wenn ja, was er dann gewesen ist, bleibt aber weiter ungewiss und wird sich vielleicht nie klären lassen."

(NGZ/rl)