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Kaarst: Sechs Monate als Kinderärztin im Irak

Kaarst : Sechs Monate als Kinderärztin im Irak

Am Rande der Wüste, in der Stadt Nadschaf südlich von Bagdad, hat die Vorsterin Tanja Karen ein halbes Jahr für "Ärzte ohne Grenzen" in einem Kinderkrankenhaus gearbeitet. Kopftuch und langer Mantel waren Pflicht für sie.

Tanja Karen genoss eine privilegierte Ausbildung: Medizinstudium in Rostock und Freiburg, Praxiserfahrungen in Kanada, der Schweiz und New York, Fortbildung zur Kinderärztin in Zürich, Dresden und Tübingen. Dann gab sie ihre Facharztstelle an der Uni-Kinderklinik Essen auf, um für "Ärzte ohne Grenzen" in den Irak zu gehen. "Ich hatte den Wunsch, mein Wissen dort weiterzugeben, wo das Ausbildungssystem nicht so gut ist wie bei uns", sagt sie.

Sechs Monate lebte sie in der Millionenstadt Nadschaf, 160 Kilometer südlich von Bagdad, am Rande der Wüste. Die Organisation setzte die 41-Jährige in der Geburts- und Kinderklinik des Al Zahrea-Krankenhauses ein. Rund 24000 Babys kommen dort in einem Jahr zur Welt. Das sind ganz andere Dimensionen als in Deutschland; an der Uni-Klinik Essen etwa sind es 1000 pro Jahr.

Doch ebenso sterben im Irak 40 Prozent aller Kinder vor ihrem fünften Geburtstag. "Nach zwanzig Jahren Krieg ist das Gesundheitssystem total zusammengebrochen. Viele Ärzte sind ausgewandert, und insbesondere die Pflegekräfte sind schlecht ausgebildet", sagt Tanja Karen.

Als Neonatologin besitzt sie besondere Kenntnisse über Frühgeburten und erkrankten Neugeborenen. Das sind Erfahrungen, die im Irak gänzlich fehlen. "Es gibt keine Leitlinien oder gar Hygienestandards. Geht ein Gerät kaputt, kümmert sich einfach niemand darum", erzählt Tanja Karen. Die Aufgabe der deutschen Kinderärztin war darum nicht die Arbeit mit den Patienten, sondern die Einführung von Therapien zur Behandlung von Infektionen und Gelbsucht sowie die Erstellung von Ernährungs- und Infusionsprotokollen.

Die Hälfte ihrer Arbeitszeit verbrachte sie im Büro, die andere schaute sie dem Krankenhauspersonal über die Schulter. "Den Pflegern fehlt es oft an genügend Verantwortungsbewusstsein, sie sind nicht dauerhaft beim Patienten", so Karen. Was aber nicht bedeute, dass es an Motivation mangele. "Sie nahmen unsere Hilfe an und erkannten auch die Verbesserungen. Sie haben mehr Verantwortung übernommen und selbst nach Lösungen gesucht", berichtet die Vorsterin.

Die Arbeit in einem fremden Land mit ganz anderer Kultur bedeutete auch für die Deutsche eine gewisse Anpassung. Ohne Kopftuch und langem Mantel durfte sie nicht das Wohnhaus von "Ärzte ohne Grenzen" verlassen, auch bei Sommertemperaturen von bis zu 50 Grad Celsius.

An den Wochenenden hatte sie zwar frei, das Sicherheitskonzept der Organisation empfahl ihr aber, sich draußen nur in wenigen speziellen Bereichen aufzuhalten. Darum bekamen die Mitarbeiter auch alle sechs Wochen Urlaub und flogen nach Istanbul oder Jordanien, um sich frei bewegen zu können. Zurzeit arbeitet Tanja Karen wieder in Deutschland, überlegt aber zu Jahresbeginn ein weiteres Mal für "Ärzte ohne Grenzen" in die Dritte Welt zu gehen.

(NGZ/rl)