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Kaarst: Schwerer Neustart nach Krebsleiden

Kaarst : Schwerer Neustart nach Krebsleiden

Weil Sabine Kindel noch nicht wieder arbeiten kann, hat die 35-Jährige Probleme, eine Wohnung zu finden.

Vor fünf Jahren hatte Sabine Kindel die Hoffnung fast verloren. "Angst" war alles, was die heute 35-Jährige damals denken konnte. Angst und: "Warum ich, warum jetzt?" Ihre Zukunft, da war sich die gelernte Groß- und Einzelhandelkauffrau aus Kaarst sicher, würde nicht so aussehen, wie sie sie sich ausgemalt hatte. Glücklich sein, beruflich vorwärtskommen, leben — so, wie die meisten anderen Menschen Anfang 30. Aus, vorbei, nur ein Traum. Vielleicht würde es gar kein Leben "danach" geben — nach den Chemo-Therapien, nach der Bestrahlung, nach dem Gehirntumor.

Im Kopf der Schwerstkranken wucherte Krebs, extrem aggressiv und extrem gefährlich. Die Ärzte hatten sie schon fast aufgegeben. Sabine Kindel hat dafür gekämpft, dass es sie heute trotzdem noch gibt. Jetzt ringt sie mit anderen Problemen. Seit mehr als einem Jahr sucht die 35-Jährige eine neue Wohnung. Weil sie wegen ihrer Erkrankung noch nicht wieder arbeiten kann, gestaltet sich die Suche schwierig. Ihr größter Feind, sagt Kindel, sei mittlerweile nicht mehr ihr eigener Körper. Ihr größter Feind seien die Vorurteile.

Bevor die Ärzte im Jahr 2007 die Diagnose "Adenokarzinom" stellten, arbeitete Sabine Kindel als Exportsachbearbeiterin. Bis Oktober kommenden Jahres bezieht sie deshalb eine Erwerbsunfähigkeitsrente. Ihre Mieten, sagt die 35-Jährige, sei sie noch niemals schuldig geblieben. Das Geld ist also nicht das Problem. Trotzdem will die junge Frau — sobald die Ärzte ihr Okay geben — schnellstmöglich wieder arbeiten gehen.

Mittlerweile fühlt sich Sabine Kindel nämlich als Mensch zweiter Klasse: "Ich habe mir Wohnungen angesehen, doch als die potenziellen Vermieter hörten, dass ich momentan zu Hause bin, war der Fall für sie erledigt. Es hilft auch nichts, eine Schufa-Auskunft zu Verfügung zu stellen oder Einblick in meine Kontoauszüge zu gewähren. Niemand hört sich an, was ich zu sagen habe. Ich bekomme zu hören, dass ,ein Sozialschmarotzer wie der andere ist und alle eine Ausrede haben'." Es sind Sprüche wie diese, die die Kaarsterin besonders verletzen. "Von fremden Menschen so abgewertet zu werden. Da fühlt man sich hilflos irgendwie."

Auch ihr aktueller Vermieter, sagt Kindel, lasse sie jeden Tag spüren, dass sie in seinem Haus nicht willkommen sei. "Dabei will ich gar kein Mitleid — ich will einfach nur leben, in einem Zuhause, in dem ich mich wohlfühlen kann." Am liebsten würde die 35-Jährige in die Nähe ihrer Eltern nach Neuss-Uedesheim ziehen. Im "Gepäck" hat sie zwei Frettchen: Billy und Paul. "Die Tiere", sagt Sabine Kindel, "haben mir damals, als es mir sehr schlecht ging, das Leben gerettet." Ohne sie gehe sie deshalb auch nirgendwo hin. "Manchmal", sagt Kindel, "kommt man ohne Hilfe eben nicht weiter. Es muss auch niemanden interessieren, dass ich fast gestorben wäre. Aber jeden über einen Kamm zu scheren — das ist einfach nicht fair."

(NGZ)