1. NRW
  2. Städte
  3. Kaarst

Kaarst: Rückgrat für den geraden Lebensweg

Kaarst : Rückgrat für den geraden Lebensweg

Für junge Menschen können sie ein Vorbild sein, weil sie haben, was den Generationen nach ihnen mitunter noch fehlt – ganz viel Lebenserfahrung. In der NGZ erzählen Senioren aus Kaarst aus ihrem Leben. Karl-Heinz Flesch hat sich als Kriegskind aus eigener Kraft emporgearbeitet.

Mitten auf dem Wohnzimmertisch steht ein Erinnerungsstück an die härteste Zeit seines Lebens: eine bauchige Vase aus beschlagenem Metall. Karl-Heinz Flesch lächelt wissend. "Erkennen Sie, was das ist? Nein? Das war mal die Kartusche einer Handgranate! Wir haben damals alles verarbeitet." Damals – das war im und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Karl-Heinz Flesch war keine zehn Jahre alt. Es gab kaum etwas zu essen. Alle paar Wochen fehlte in der Schule ein weiteres Kind. Artilleriebeschuss! "Die Zeit war schlimm", sagt der gebürtige Düsseldorfer. "Aber sie hat mich auch geprägt. Und all das, was ich erlebt habe, hat mich stark gemacht."

Kriegsgeschichten, die mit "Damals ..." beginnen, lösen bei jungen Menschen oft so etwas wie einen Fluchtreflex aus. Dabei lohnt sich das Hinhören, immer, allein schon wegen des Lerneffekts. Karl-Heinz Flesch hat in seinem Leben sehr viel gelernt: zu verzichten, nicht aufzugeben, mutig und fleißig zu sein, Verantwortung zu tragen – aber auch ganz praktische Dinge. Zum Beispiel wie man es schafft, als Kind aus der Not heraus Kaninchen zu schlachten, von denen jedes einzelne einen Namen trägt. Oder Stricken. "Das hat mich abgelenkt, als wir 45 Stunden ununterbrochen im Bunker saßen", sagt der heute 76-Jährige. 45 Stunden in einem 3,50 Meter breiten Loch.

An diesem Vormittag gibt es Kaffee im Wintergarten. Den Zitronenkuchen hat Flesch selbst gebacken. Seit 1974 lebt der gebürtige Düsseldorfer in Holzbüttgen. Sein damaliger Arbeitgeber, die WestLB, kaufte damals das Grundstück. Von 1970 bis 1999 war Flesch bei der nordrhein-westfälischen Landesbank Bilanzbuchhalter, danach, im Vorruhestand, bekam er einen Beratervertrag. Der Weg zu Position und Ansehen war steinig und schwer. Als ältester von drei Geschwistern musste der später gefragte Finanzfachmann hart arbeiten, einen 2500 Quadratmeter großen Garten und 30 Kaninchen versorgen, unter anderem. Der Vater verlor nämlich im Krieg ein Bein. "Eigentlich wollte ich immer Architekt werden", sagt Flesch. Doch weder auf dem Gymnasium noch an der Uni bekam er eine Chance. "Die Noten stimmten, aber mir fehlten die Kontakte, und eine handwerkliche Lehre auf dem Bau, die für das Studium Voraussetzung gewesen wäre, traute man mir mit meiner schmächtigen Statur damals wohl nicht zu." Am Selbstbewusstsein des Jungen haben die Abfuhren nie genagt. Bei seinem ersten Bewerbungsgespräch für eine Lehrstelle ließ der Arbeitgeber Flesch fast zwei Stunden warten. "Ich bin dann einfach gegangen und hab mich noch am selben Tag spontan auf eine andere Stelle zum Industriekaufmannsgehilfen beworben – erfolgreich. So viel Rückgrat hatte ich." Als Lehrling las Flesch pro Woche fünf bis sechs Bücher, besuchte Abendkurse, lernte, was es heißt, eine Bilanz zu lesen und aus Fehlern zu lernen. Am 18. November 1960 bestand er die Bilanzbuchhalterprüfung, als damals jüngster Absolvent in ganz NRW. "Ich hab immer gewusst, was ich kann", sagt der heute 76-Jährige. "Das, was ich getan habe, habe ich immer mit Leidenschaft getan. Niemals aufgeben und mit offenen Augen durchs Leben gehen – das hat mich mein Leben gelehrt."

(NGZ)