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Pflege in Kaarst: "Die Töchter werden oft gefressen"

Pflege in Kaarst : Die Pflege der Eltern bleibt oft an den Töchtern hängen

Der Caritas-Verband hat einen Gesprächskreis eröffnet. Angehörige sollen sich offen über ihre Situation und Hilfsangebote austauschen.

In Bezug auf pflegende Angehörige ist sich Gerda Linden, ehemalige Leiterin einer Fachschule für Altenpflege, sicher: „Die Töchter werden oft gefressen!“ An ihnen hänge in den meisten Fällen die Pflege und Versorgung alt gewordener Eltern oder anderer Verwandten. Wenn auch mittlerweile bis zu 30 Prozent der Söhne in die Pflege ihrer Eltern mit eingebunden sind, weiß Elisabeth Bubolz-Lutz, Professorin für Geragogik (Teilgebiet der Pädagogik, das Lernen mit und über Alter erforscht) an der Universität Duisburg-Essen. Beide Damen haben sich für die Initiierung eines Gesprächskreises für pflegende Angehörige stark gemacht. „Diese nehmen noch keine professionelle Hilfe in Anspruch, brauchen aber womöglich selbst seelische Unterstützung“, erklärt Linden. Bubolz-Lutz berichtet, dass Menschen durchschnittlich 8,2 Jahre ihre Angehörigen pflegen und dabei ihre Kräfte verbrauchen. Die Gefahr, dass man sich dabei verausgabt, ist groß: Oft lasse falsch verstandene Selbstaufopferung die Pflegenden selbst zum Pflegefall werden, erklärt Bubolz-Lutz: „Es ist immer einfacher, Hilfe zu geben als selbst anzunehmen!“ Zudem gelte es als Tabu, über Schwierigkeiten und Belastungen der häuslichen Pflege zu sprechen. In Deutschland sei das eher ein privates Thema, während es beispielsweise in den Niederlanden ganz selbstverständlich das Gemeinwesen betreffe.

Der Gesprächskreis im Rahmen der Quartiersinitiative „Älterwerden in Büttgen“ soll den Charakter einer Selbsthilfegruppe entwickeln, in der sich die Angehörigen offen über ihre Situation und die damit verbundenen Schwierigkeiten austauschen können. Linden wird als Moderation fungieren, Bubolz-Lutz als wissenschaftliche Begleitung Unterstützung leisten. Angestrebtes Endziel für die Teilnehmer: gegenseitiges Stärken und ein selbstständiges Verändern der Situation in einer „Atmosphäre der Akzeptanz“, so Linden. Es soll dazu ermutigt werden, bei Notwendigkeit auch professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Wir verstehen uns als Brückenbauer und Lotsen“, sagt Linden. Zudem kann das Knüpfen neuer sozialer Kontakte unter den pflegenden Angehörigen im Idealfall ebenfalls zu einer Entlastung beitragen – niemand soll mit seinen Sorgen in der Nachbarschaft alleine bleiben. Die Treffen finden im (gemieteten) Gemeindezentrum der evangelischen Johanneskirche statt und sind für alle offen – unabhängig von Religionszugehörigkeit und eventuellem Pflegegrad des zu Betreuenden. Zudem ist das Angebot kostenlos. Nebenbei wird auch die Ökumene gelebt – der katholische Caritasverband des Rhein-Kreises Neuss ist Ausrichter. In einem zweiten Projekt bietet die Quartiersinitiative eine Qualifizierung als ehrenamtlicher Pflege- und Seniorenbegleiter an. Die Infoveranstaltung dazu findet am 7. Dezember ab 17 Uhr ebenfalls im Gemeindezentrum der Johanneskirche statt.