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Kaarst: Meine Begegnung mit Gauck

Kaarst : Meine Begegnung mit Gauck

Bärbel Broer kennt Bundespräsident Joachim Gauck gut. Für ihre Magisterarbeit über die innere Struktur der Stasi-Unterlagen-Behörde hat die Kaarster Journalistin 1995 mehrere Wochen lang in der "Gauck-Behörde" recherchiert.

Joachim Gauck wird ein guter Bundespräsident sein – Bärbel Broer jedenfalls ist davon fest überzeugt. Für ihre Magisterarbeit über die innere Struktur der Stasi-Unterlagen-Behörde hat die Kaarster Journalistin 1995 mehrere Wochen lang in der sogenannten "Gauck-Behörde" recherchiert. Später interviewte sie den ehemaligen Bundesbeauftragten für verschiedene Zeitungen. "Es wird nicht einfach für Joachim Gauck", sagt sie. "Aber er wird es schaffen, die Köpfe und Herzen der Menschen in unserem Land zu erreichen. Ich habe ihn immer als sehr reflektierten, intelligenten und empathischen Menschen erlebt."

Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit empfindet die Politikwissenschaftlerin und Historikerin indes als überzogen: "Er soll mutig sein, aber uns nicht als Feiglinge vorführen. Er soll warmherzig, aber nicht moralinsauer sein. Er soll ehrlich, aber nicht anstrengend sein. Er soll den Mund aufmachen, aber – bitte schön – nicht zu intellektuell. Er soll unbequem sein, aber uns nicht auf die Nerven gehen. Er soll leidenschaftlich, aber nicht pathetisch sein. Wer soll denn diesen Ansprüchen gerecht werden?"

Zuversichtlicher Optimismus – das ist die Einstellung, mit der die Deutschen aus Broers Sicht Joachim Gauck begegnen sollten. Ein Held oder gar ein Heilsbringer, sagt sie, sei er nicht. So habe er sich aber auch nie dargestellt. Ganz im Gegenteil. "Ich habe ihn mal gefragt, wie seine persönlichen Erfahrungen in der DDR-Diktatur waren", erinnert sich Broer. Gaucks Zitat darauf findet sich in ihrer Examensarbeit: "Ich war eigentlich ein fröhlicher Untertan. Doch habe ich die Tatsache meines Untertanen-Seins unzureichend reflektiert. Wenn Sie selber das Unglück haben sollten, je in Ihrem Leben in eine Situation zu geraten, wo Sie mehrere Jahre unfrei sind, dann werden Sie möglicherweise auch dahin kommen, nicht immerzu die Freiheitsberaubung zu reflektieren."

Werden Vorwürfe laut, Gauck sei kein echter Oppositioneller, sondern eher ein Angepasster gewesen, hält Broer dagegen: "Er gehörte zu den Anständigen in der DDR. Er schloss sich weder den Jungen Pionieren noch der FDJ an." Stattdessen habe er mutig Widerstand geleistet, wurde bespitzelt, kritisierte das Unrecht in der DDR und blieb im Land, während einige es verließen.

Broer weiß aber auch, wie anstrengend Diskussionen mit Gauck sein können, wenn es um schwierige Themen geht. "Ich hatte ihn beispielsweise gefragt, was in dem einstigen Pfarrer Gauck vorgeht, der in Opfer-Täter-Kategorien, in Schuld- und Sühne-, vielleicht sogar in Vergeltungskategorien denken muss und weniger an Vergebung. Da wurde er zunächst ungehalten." Im weiteren Gespräch habe er dann aber doch sehr ausführlich Stellung bezogen. Unbequem, unangepasst – ein Mensch mit Rückgrat: Auch das ist Joachim Gauck aus Sicht von Bärbel Broer. "Aber", sagt sie, "es ist doch viel besser, einen Bundespräsidenten zu haben, der streitbar und standfest ist. Angepasste und Bequeme haben wir schon genug."

(NGZ)