Kaarst: Lebensmittel - zu gut für die Tonne

Kaarst : Lebensmittel - zu gut für die Tonne

Eine App sagt Lebensmittelverschwendung den Kampf an. Für wenig Geld kann man bei vier Kaarster Unternehmen Reste kaufen. Die Unternehmen verdienen nichts daran, vermeiden aber dadurch, dass Essen in den Müll wandert.

Irgendwelche Lebensmittel bleiben immer übrig: Mal sind es Reste am Frühstücksbuffet im Hotel, Backwaren in der Bäckerei, verderbliches Obst oder Gemüse im Supermarkt oder Produkte im Biomarkt. Die App "Too Good To Go" ermöglicht Kunden, übrig gebliebene Speisen oder Lebensmittel bei Händlern oder Restaurants zum reduzierten Preis zu erwerben und damit der Lebensmittelvernichtung den Kampf anzusagen.

Das von fünf Dänen im Jahr 2015 gegründete Start-up-Unternehmen ist mit seiner Idee so erfolgreich durchgestartet, dass es allein in Deutschland aktuell 1800 Partnerläden und über 700.000 App-Nutzer hat. Während aus Neuss noch kein Unternehmen registriert ist, beteiligen sich bereits vier Kaarster Unternehmen daran, sagt Pressesprecherin Teresa Sophie Rath auf Nachfrage der NGZ.

"Ich erlebe Lebensmittelverschwendung jeden Tag", sagt Jakob Dederichs, der gemeinsam mit seinem Bruder Paul Marktleiter des jüngsten Rewe-Marktes am Berliner Platz in Büttgen ist. Als ihm ein Kundenberater von "Too Good To Go" die Idee der App vorgestellt hatte, fand er diese überzeugend: "Ich wollte ausprobieren, ob das Prinzip in unseren Tagesablauf passt." Bis auf montags und samstags meldet Dederichs seit Januar täglich, ob und wie viele Restportionen wann abgeholt werden können.

Kunden, die sich die App heruntergeladen haben, können direkt bestellen und bezahlen. Sie brauchen ihre Portion dann nur im angegebenen Zeitfenster vor Ort abzuholen. "Ich habe durchweg positive Rückmeldungen erhalten", so Dederichs. Interessant sei zudem, dass nie die gleichen Leute kämen. Da sich die Kunden entweder im Marktleiter-Büro oder an der Servicetheke melden, weil sie ihren Kauf via Handy belegen müssen, ergebe sich auch jedes Mal ein kurzes Gespräch. Kunden aus Kleinenbroich oder Grefrath seien so zu "seinem" Rewe gekommen, die ohne App wohl nicht den Weg zu dem Supermarkt nach Büttgen gefunden hätten.

Für 3,50 Euro verkauft er die verderblichen Lebensmittel, die einen Warenwert von etwa acht bis zehn Euro haben. Ein Teil davon geht an den Betreiber der App. Finanziell sei es eine Nullnummer, sagt Dederichs. "Schließlich haben wir für die Ware bezahlt." Aber das sei immer noch besser, als Gemüse oder Obst im Mülleimer entsorgen zu müssen.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Seelan Markandu. Der gebürtige Sri Lanker, der vor zwei Jahren das "Brotkörbchen" an der Kaarster Straße übernommen hat, meldet bereits seit über einem Jahr seine Restware via App. "Früher mussten wir abends immer einiges wegwerfen", sagt er. Das sei deutlich weniger geworden, seit er übrig gebliebene Backwaren wie Brötchen, Teilchen, Börek oder türkische Pizza ab 19 Uhr zum Abholen für 2,50 Euro anbietet. Einen Gewinn mache er auch nicht, aber so landeten zumindest keine Backwaren mehr in der Tonne.

Was die Kunden bei den jeweiligen Unternehmen abholen können, ist meist eine Überraschungstüte. Das "bio...Logisch"-Team an der Neusser Straße stellt sie zusammen, heißt es in deren App-Erklärungen. Darin können sich dann je nach Restbestand Molkereiprodukte, Obst, Gemüse oder auch Brot befinden.

Auch das Mercure Hotel in Kaarst nimmt seit Mitte Dezember 2017 an der App teil. "Wir arbeiten täglich daran, möglichst wenig Lebensmittel wegwerfen zu müssen", erklärt Hoteldirektor André Wagner. Wer seine Ration für 3,33 Euro gekauft hat, kann sich eine Box aus den Resten vom Frühstücksbuffet wie Aufschnitt, Käse oder aufgeschnittenes Obst selbst zusammenstellen. Kunden müssen sich zuvor an der Rezeption melden.

Noch sei die Reaktion eher verhalten: "Es ist nicht so, dass App-Nutzer uns die Bude einrennen", sagt Wagner. Was aber gar nicht gehe, sei so eine dreiste Art wie die eines Pärchens vor kurzem. "Die Frau hatte über die App gekauft und stellte sich am Buffet ihre Box zusammen. Der Mann füllte sich derweil seine Taschen", erinnert sich der Hoteldirektor. Nach Aufforderung musste er diese wieder entleeren.

(BroerB)
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