Kaarst: Leben unter Hochspannung

Kaarst : Leben unter Hochspannung

Amprion will eine alte Stromleitung durch eine neue, stärkere ersetzen. Von den Häusern an der Kampwebersheide sind die ersten Masten bereits jetzt nur rund 40 Meter entfernt. Die Anwohner fürchten ein weiteres Heranrücken.

Wenn Marlies Lappe aus dem Fenster ihres Hauses schaut, kann sie das, was ihr Angst macht, bereits jetzt deutlich sehen. Im Sommer, wenn alles grün ist, sind die Masten der Hochspannungsleitungen zum Teil von einem bepflanzten Wall verdeckt. Den haben die Anwohner der Kampwebersheide in den 1980er Jahren aus eigener Tasche bezahlt. Die Erdaufschüttung soll sie schützen — vor dem Lärm der naheliegenden Autobahn und den elektrischen Strahlen der Stromleitungen. Vor einer möglichen magnetischen Strahlung bewahrt der Wall nicht.

Vier neue Hochleistungs-Stromautobahnen sollen künftig deutschlandweit die Versorgungssicherheit nach der Energiewende garantieren. Eine führt auf einer Länge von rund vier Kilometern durch Kaarster Stadtgebiet. Die Planungen laufen bereits seit Jahren, genutzt werden sollen die vorhandenen Leitungen. Zwischen 30 und 60 Meter sind die bisherigen 220 000-Volt-Masten von den ersten Häuserreihen im Kaarster Norden entfernt.

Die RWE-Tochter Amprion will die alte, 220-KV-Leitung durch eine neue 380-KV-Freileitung ersetzen. "Diese", sagt Lappe, Juristin und Vorsitzende der Bürgerinitiative "Pro Kabel Kaarst", "rückt wahrscheinlich noch näher an den Schutzwall und damit an unsere Häuser heran. Wir gehen derzeit von 20 bis 40 Metern aus." Eine entsprechende Abstandsregelung von mindestens 40 Metern gelte zwar für die Bauleitplanung, zum Beispiel bei der Entstehung eines neuen Baugebietes. "Im Planfeststellungsverfahren", sagt Lappe, "spielt das aber keine Rolle."

Die seit April 2010 bestehende Kaarster Bürgerinitiative setzt sich deshalb für eine unterirdische Verlegung der neuen Stromleitung ein. "Wie die aktuellen Planungen genau aussehen, wissen wir in der nächsten Woche", sagt Lappe. Die Bezirksregierung hat das Planfeststellungsverfahren für den insgesamt mehr als 30 Kilometer langen Abschnitt der neuen Stromautobahn eröffnet. Ab Montag liegen die Unterlagen im Büttgener Rathaus aus.

Nach Angaben von Amprion kostet ein Kilometer Erdkabel rund 10 Millionen Euro. Ein Kilometer Freilandleitung wird hingegen mit 1,5 Millionen Euro kalkuliert. Lappe hält das Kostenargument für vorgeschoben. Ein aktuelles Gutachten, sagt sie, belege, dass sich die Mehrkosten bei einer Teilverkabelung bereits nach einem Jahr amortisierten, weil Verzögerungen beim Ausbau durch Klagen verhindert würden. "Uns", sagt Lappe, "geht es auch nicht um die Optik. Uns geht es um die Sicherheit. Wenn die Masten weit genug von Häusern weg stehen, ist das in Ordnung." Nur — für eine Trassenverlagerung sei an der Kampwebersheide tatsächlich kaum Platz. Lappe: "Wir wollen, dass die Ängste der Bürger ernst genommen werden. Jeder Lurch wird mittlerweile besser geschützt als der Mensch."

(NGZ/rl)
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