Tag der Archive: Karneval: Konfetti war verboten

Tag der Archive : Karneval: Konfetti war verboten

Von Carsten Greiwe

Von Carsten Greiwe

Andere Zeiten, andere Sitten: Noch 1925 erließ die preußische Regierung eine Verordnung, nach der so genannte Raufbolde unter Beobachtung gestellt werden mussten. Dort hieß es: "Personen, die offenkundig zu Gewalttätigkeiten neigen oder die sich bei öffentlichen Tanzlustbarkeiten nicht friedlich zu verhalten pflegen (Raufbolde) sind in einer bei der Ortspolizeibehörde zu führende Liste (Raufboldliste) einzutragen.

” Solche und andere Kuriositäten können die Kaarster Samstag im Kaarster Stadtarchiv kennen lernen. Dann nämlich öffnet Archivleiter Peter Brinkmann die Pforten seiner Einrichtung im Souterrain des Kaarster Rathauses zum Tag der offenen Tür (9 bis 18 Uhr). Das Stadtarchiv beteiligt sich am bundesweiten Tag der Archive.

Weit über 400 Einrichtungen dieser Art werden sich in ganz Deutschland anschließen. Die Kaarster Veranstaltung steht unter dem Leitwort: "Kaarster Archive stellen sich vor.” Neben der städtischen Institution sind zwei weitere Archive mit von der Partie: das Pfarrarchiv der katholischen Kirchengemeinde St. Aldegundis in Büttgen und der Tuppenhof.

"Wir wollen Neugierde wecken”, sangt Brinkmann im Gespräch mit der Neuß-Grevenbroicher Zeitung. Nutzer sind grundsätzlich alle Bürger, solche, die sich für ihre Ahnen interessieren oder einfach nur Spaß an der Geschichte haben. Dazu werden zahlreiche Akten, Urkunden und Dokumente präsentiert. So zum Beispiel eine preußischen Anweisung aus dem Jahre 1913, in der das Überqueren von Bahnübergängen durch den Kaiser geregelt wurde. Demnach durften der Majestät keine Frauen begegnen: "Wärterinnen sind durch Wärter zu ersetzen.” Die konnten damals sicher auch zackiger salutieren.

Das Interesse der Bevölkerung richte sich nach Auskunft der Profis auf ganz unterschiedliche Themen. So sei bei vielen beispielsweise die belgische Besatzung nach dem Ersten Weltkrieg ein wichtiges Thema. Neben den Stadt- und Familiengeschichten kommen auch Vereinshistorien zur Sprache. Karnevalisten dürfte beispielsweise interessieren, dass 1925 plötzlich das öffentliche Kostümieren verboten wurde. Auch durften weder Konfetti noch Luftschlangen auf der Straße geworfen werden. Den Besucher erwarten neben Originaldokumenten - so auch der Vertrag zwischen Kaarst und Neuss zur Abtretung der Neusserfurth - Postkarten, Photos und alte Landkarten.

Moderne Luftbilder wurden digitalisiert, so dass Interessierte einen Stadtausschnitt mit ihrer Wohngegend per Computerausdruck mit nach Hause nehmen können. Dafür berechnet das Archiv ein kleines Entgelt. Die beiden beteiligten Privatarchive setzen am Samstag etwas andere Schwerpunkte. Beim Tuppenhof geht es vornehmlich um die Geschichte des Hofes selbst, aber auch um die Büttgener Schriftenreihe, die jüngst um einen Band zum Thema Ortskernsanierung ergänzt wurde.

Das Pfarrarchiv St. Aldegundis präsentiert vor allem Sozialgeschichte. Wie lebten die Menschen im landwirtschaftlich geprägten Gebiet der Gegend um Büttgen, die eine Ansammlung von Höfen war? "Das Sozialwesen lag früher in kirchlicher Hand”, berichtet Pfarrarchivar Johannes Risken. Mit großem Engagement kümmert sich der ehemalige Lehrer um die Kirchengeschichte vor Ort. "Viele Menschen lebten in bitterer Armut”, weiß Risken. Also mussten die Bauern in die kirchliche Armenkasse zahlen, aus deren Erträge die Bedürftigen unterstützt wurden.

Lebensgrundlage in der Gegend war auch der Büttgener Wald. Seine Erträge wie Holz und Laub wurden aber streng überwacht. Ein neunjährige Bub‘ hatte jedoch einmal unerlaubt Laub nach Hause gebracht und wurde streng zur Rechenschaft gezogen. Solche "Straftäter” wurden in einer "Brüchtenliste” aufgezeichnet, die Riskes auch präsentieren wird. "Diese Liste ist so etwas wie eine Einwohnerkartei von Büttgen, denn es stehen beinahe alle Bewohner drin.” Aber es gibt auch nette und freundliche Anekdoten. So ließ sich der Pfarrer damals die Messstiftungen des Wirtes in Naturalien auszahlen und holte sich regelmäßig eine Kanne Bier im Wirtshaus ab - es muss ja auch nicht immer Messwein sein.

(NGZ)