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Kaarst: Kampf dem Schlamm

Kaarst : Kampf dem Schlamm

Interview Wie dreckig ist der Nordkanal wirklich? Die NGZ hat mit den Grundwasserexperten des Förderkreises Holzbüttgen, Jürgen Kallmann, Manfred Thiele und Franjo Rademacher, gesprochen.

Das Nordkanalfest, die aktuelle Diskussion über eine Pumpenlösung zur Kappung der Grundwasserspitzen und die heftigen Regenfälle der vergangenen Wochen haben das Thema "Grundwasser/ Nordkanalentschlammung" wieder ins Gespräch gebracht. Die NGZ sprach darüber mit den Vorsitzenden des Arbeitskreises Grundwasser im Förderkreis Holzbüttgen, Jürgen Kallmann und Manfred Thiele, sowie dem Förderkreis-Vorsitzenden Franjo Rademacher.

Um mit etwas Positivem zu beginnen: Bürgermeister Franz-Josef Moormann hatte in Aussicht gestellt, den Kanal um das Geburtstagsfestgelände herum auf Vordermann zu bringen. Ist das kein Lob wert?

Rademacher Doch, das rechnen wir ihm hoch an. Entlang des Festgeländes sind jetzt fast 300 Meter Ufer gut gepflegt und endlich vom Aschenputtel-Dasein befreit. Zum ersten Mal seit Jahren ist erkennbar, was der Kanal zu bieten hat und was man aus ihm machen kann. Und der Bürgermeister hat sich positiv zum Nordkanal geäußert.

Welche Erkenntnis ziehen Sie daraus?

Rademacher Dass das jetzt keine Eintagsfliege war und nach dem Erfolg beharrlich weiter gearbeitet wird, also zum Beispiel jedes Jahr weitere 300 Meter gepflegt werden. Und damit meine ich langfristig nicht nur eine ordentliche Uferböschung. Ich bin sicher, Moormann steht zu seinem Wort.

Die landschaftspflegerische Seite ist die eine Sache, der Zustand des Gewässers und die damit verbundene Grundwasserproblematik eine andere. In einem Selbstversuch sind Sie selbst in den Nordkanal gestiegen. Wie war´s?

Rademacher Ganz ehrlich? Ein schlimmes Erlebnis. An der Grenze zu Neuss am Treibgutauffanggitter unter der Autobahnbrücke bin ich bereits zwei Meter vom Ufer entfernt in dichten, stinkenden, schwarzen Schlamm über 1,20 Meter tief eingesunken. Zum Glück war ich gesichert. Alleine wieder rauszukommen wäre unmöglich gewesen. Da lauern echte Gefahren für Leib und Leben. Nicht auszudenken, wenn Kinder oder Erwachsene dort hineingeraten.

Durch den Schlamm, sagen Fachleute, kann Grundwasser nicht ordnungsgemäß über den Nordkanal abgeleitet werden. Was hat das für Konsequenzen?

Thiele: Auch, wenn das Grundwasserproblem zur Zeit noch nicht dramatisch ist — steigendes Grundwasser bedroht im Einzugsbereich stehende Gebäude. Nasse Keller, Imageverlust der Stadt und Werteverlust sind die Konsequenz.

Mit einem Pumpenmodell zur Kappung der Grundwasserspitzen, das auch vom Kreis unterstützt wird, sollen Grundstückseigentümer in Korschenbroich und Kaarst vor steigendem Grundwasser geschützt werden. Was haltern Sie davon?

Kallmann Für Korschenbroich ist die Pumpenlösung eine gute Sache. Auch in Kaarst würde sie Nutzen bringen, langfristig ist eine Entschlammung des Nordkanals aber wirtschaftlicher. Zumal sie nicht unendlich aufgeschoben werden kann, da die Schlammmengen Jahr für Jahr größer werden. Am Ende zahlen die Kaarster dann doppelt. Im Übrigen wäre die abgeführte Grundwassermenge bei einer Entschlammung doppelt so groß und das erfasste Gebiet wäre wesentlich größer.

Glauben Sie, dass die Kaarster eine im Raum stehende 80-prozentige Kostenbeteiligung mittragen würden? Das Finanzierungsmodell ist ja schon einmal gescheitert.

Thiele Nein. Die Lösung des finanziellen Problems in Kaarst kann nur, wie zum Beispiel bei anderen Gemeinden, über eine entsprechende Gebührenordnung des zuständigen Wasser- und Bodenverbandes gelöst werden. Außerdem muss das Gebiet des Jüchener Baches als wesentlicher Schlammträger einbezogen werden. Wenn das weiterhin nicht gewollt ist, muss der Verband aufgelöst und eine grundsätzlich andere Lösung von der Politik gefunden werden.

Kallmann Vielleicht trägt ja der Erfolg des Nordkanalfestes auch hier zu einem Sinneswandel bei.

Julia Hagenacker führte das Gespräch

(NGZ)