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Kaarst: Kaarsterin sucht Hilfe für Verwandte in Syrien

Kaarst : Kaarsterin sucht Hilfe für Verwandte in Syrien

Eine E-Mail an den Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai hat in Berlin eine Debatte über den Umgang mit Kriegsflüchtlingen ausgelöst.

Es war eine E-Mail aus Kaarst, gerichtet an das Berliner Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Bijan Djir-Sarai, die in der vergangenen Woche eine politische Diskussion um Kriegsflüchtlinge aus Syrien ausgelöst hat. "Ich wende mich an Sie", heißt es in dem Schreiben an den FDP-Politiker und stellvertretenden Landrat im Rhein-Kreis Neuss, "um für meinen in Damaskus lebenden Neffen und seine Ehefrau (26 und 22 Jahre alt) Unterstützung zu erbitten." Geschrieben hat die Nachricht Maha Gaida. In Kaarst kennen die 55-Jährige viele. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet die studierte Mathematikerin in einer Schule im Sekretariat.

Gaida ist in Syrien geboren. Bis zu ihrem 24. Lebensjahr war die Hauptstadt Damaskus ihre Heimat, bis die Liebe sie damals nach Deutschland verschlug. Gaidas Familie, der 83 Jahre alte Vater, die vier Geschwister, Tanten und Onkel — alle leben nach wie vor dort, wo seit zwei Jahren ein grauenhafter Bürgerkrieg tobt. Mehr als 70 000 Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen bereits ums Leben gekommen, 40 000 werden derzeit vermisst. Die Zivilbevölkerung ist nirgendwo sicher, auch nicht Christen wie Maha Gaidas Neffe Ayham und seine Frau Rita, die eigentlich neutral sind und weder dem Assad-Regime noch der Opposition angehören. In Damaskus explodierte vor einigen Tagen eine Autobombe und riss zig Menschen mit in den Tod. Der Anschlag geschah unweit der Bank, in dem Gaidas Neffe arbeitet. "Die Kriminalität steigt von Tag zu Tag. Nach 17 Uhr traut sich dort kein Mensch mehr auf die Straße", sagt die 55-Jährige. "Dieser Krieg trifft alle, aber für die jungen Menschen ist er besonders schlimm."

Um Ayham und seiner Frau vorübergehend Luft zum Durchatmen zu verschaffen, haben Maha Gaida und ihr Mann Siegfried das Paar vor einigen Wochen nach Kaarst eingeladen. Wohnen könnten die jungen Leute in der Eigentumswohnung der Gaidas, und auch für den Unterhalt würden die deutschen Verwandten gerne aufkommen. Der Neffe, wie seine Ehefrau Akademiker, beantragte deshalb mit viel bürokratischem Aufwand bei der deutschen Botschaft in Beirut im Libanon ein Einreisevisum, weil es in Damaskus schon lange keine Vertretung mehr gibt. "Die Reise war nicht ungefährlich", sagt Maha Gaida. Nach zwei Wochen wurde der Antrag abgelehnt, ohne nähere Erläuterung.

Bijan Djir-Sarai hat herausgefunden, dass Visa-Anträge syrischer Flüchtlinge von den deutschen Botschaften in der Regel abgelehnt werden, weil sich die erforderliche Rückkehrabsicht ins Herkunftsland nicht feststellen lässt. Ein Sonderfall ist der Familiennachzug. Nach den Bestimmungen des Aufenthaltsgesetzes erhält grundsätzlich die sogenannte Kernfamilie ein Visum, also Ehegatten, Lebenspartner und minderjährige Kinder. Ein Neffe gehört nicht dazu.

Bijan Djir-Sarai sagt: "Das kann nicht sein. Wir brauchen eine unbürokratische Lösung für eine temporäre Hilfe." Nach einem Gespräch mit seinem Parteikollegen — Bundesaußenminister Guido Westerwelle — hat sich dieser unlängst mit der Bitte, den Nachzug von Familienangehörigen aus Syrien aus humanitären Gründen zu erleichtern, an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) gewand. Die Antwort steht noch aus, die Diskussion ist im Gang. Ausgelöst wurde sie jedenfalls auch — durch eine E-Mail aus Kaarst.

(NGZ/ac)