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Kaarst: Kaarster verlässt Tokio aus Angst

Kaarst : Kaarster verlässt Tokio aus Angst

Der aus Kaarst stammende Benedikt Neuenfeldt studiert in Tokio und bekommt dort hautnah die Stimmung in der Bevölkerung mit. Morgen will er sicherheitshalber die Stadt in Richtung Hiroshima verlassen.

Herr Neuenfeldt, wie ist die Lage in Tokio?

Benedikt Neuenfeldt Wir hatten erst vor einer halben Stunde ein Erdbeben der Stufe 4, darauf haben viele Bahnen erstmal den Betrieb gestoppt. Die Lage hier in Tokio ist eigentlich noch ganz ertragbar. Allerdings fahren die Züge nur noch sporadisch. Das liegt an den Stromabschaltungen, von denen keiner genau weiß, wann sie oder ob sie kommen. Die Züge sind sehr leer und umso voller gegen Abend. Ein paar Züge fahren gar nicht mehr oder enden sehr früh. Viele Geschäfte haben geschlossen.

Was werden Sie in der aktuellen Situation machen?

Neuenfeldt Ich werde Tokio entweder noch heute oder spätestens morgen früh verlassen. Die Lage scheint auch hier immer brenzliger zu werden. Man merkt es auch daran dass immer mehr Menschen in den Süden gehen.

Haben Sie Kontakt zu anderen Deutschen?

Neuenfeldt Kaum. Die meisten meiner Freunde an der Uni sind schon weg, haben Tokio oder das Land verlassen.

Kommen Sie jetzt nach Kaarst zurück?

Neuenfeldt Es geht nach Hiroshima, weil ich dort noch nicht belegte billige Hotels finden konnte. Hotels in Osaka gibt es nur noch als Wabenhotels in meiner Preisklasse als Student. Ich habe das Hotel für fünf Tage gebucht. Wenn sich die Lage in der Zeit nicht verbessert oder sogar verschlechtert, werde ich wahrscheinlich zurück nach Deutschland fliegen. Meine Freundin und unser fast einjähriger Sohn Will sind bereits sicher zu ihren Eltern nach Shikoku zurückgekehrt.

Wie groß ist Ihre Angst vor einer Verstrahlung?

Neuenfeldt Sie ist vorhanden. Zumindest für den Moment. Daher will ich ja auch weg. Hiroshima liegt rund 800 Kilometer von den Atomkraftwerken entfernt.

Wie erleben Sie die Stimmung in Tokio?

Neuenfeldt Sie ist schwer einzuschätzen. Viele Japaner versuchen den Tagesablauf beizubehalten. Bei einigen klappt es besser, bei anderen weniger gut. Auch heute Abend waren mehrere Bezirke wegen der Stromabschaltung dunkel und darauf reagieren so viele Menschen halt doch noch mal anders. Stellen Sie sich beispielsweise den Düsseldorfer Hauptbahnhof im Zwielicht vor, nur von Notlampen in ein schummriges Licht gehüllt, mit drumherum liegenden dunklen Straßen.

Wie beurteilen Sie die Informationspolitik der japanischen Regierung? Wie werden die Japaner in der bedrohten Millionen-Stadt Tokio informiert?

Neuenfeldt Ich schließe mich der Meinung vieler Japaner und Deutschen an, dass die japanischen Medien bzw. die Regierung nicht unbedingt alles sagen, was sie sagen sollten. Wenn man sich japanische Nachrichten anschaut, werden oft Urlaubs- und Blumenbilder gezeigt. Mittlerweile wird die Reaktor-Katastrophe schon gar nicht mehr so oft besprochen. Ich verfolge allerdings auch die ganze Zeit die Nachrichten auf n-tv.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Japaner ausgesprochen gelassen mit den Folgen des Tsunamis und der Reaktor-Katastrophe umgehen?

Neuenfeldt Ich glaube, die Japaner schöpfen viel Kraft aus ihrem Glauben. Viele von den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sagten mir, sie würden – selbst wenn die Anweisung käme – wahrscheinlich nicht weggehen, weil sie hier aufgewachsen seien. Sie könnten ja sonst nirgendwo hin. Selbst der Tenno Akihito hat zum Durchhalten aufgerufen.

Klaus D. Schumilas führte das Gespräch.

(NGZ)