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Kaarst: Zaheer Ahmad war drei Monate täglich als Helfer im Ahrtal unterwegs

Zaheer Ahmad aus Kaarst : Drei Monate täglich als Helfer im Ahrtal

Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist der Kaarster Zaheer Ahmad in den ersten drei Monaten in die betroffenen Gebiete gefahren. Dort hat er mit seiner muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde täglich rund 4000 Mahlzeiten verteilt.

Die Koffer waren schon gepackt, der Familienurlaub im Schwarzwald stand bevor. Doch als in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli das Ahrtal von unvorstellbaren Wassermassen überschwemmt wurde, änderten sich die Pläne von Zaheer Ahmad schlagartig. Gemeinsam mit der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde im Rhein-Kreis Neuss, deren Vorsitzender der Kaarster ist, stellte er ein Hilfsangebot auf die Beine. „Ich habe entschieden, dass sofort geholfen werden muss. Deutschland ist eine Heimat, und durch meinen Glauben bin ich verpflichtet, dieser in Notsituationen zu helfen“, erklärt Ahmad.

Rund 200 Mitglieder seiner Gemeinde waren in den ersten drei Monaten täglich in den betroffenen Gebieten vor Ort, um zu helfen. Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, warme Mahlzeiten an die Betroffenen zu verteilen. „Wir haben jeden Tag rund 3000 bis 4000 Mahlzeiten ausgegeben“, erinnert sich Ahmad. Insgesamt habe die Gemeinde rund 120.000 bis 140.000 warme Mahlzeiten, die in verschiedenen Küchen zubereitet wurden, verteilt.

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In der ersten Zeit haben sich die Gemeindemitglieder das Essen eigentlich für sich selbst mitgenommen. Doch da die Menschen im Ahrtal nichts hatten, verteilten sie es direkt vor Ort. Ahmad und seine Mitstreiter waren zuerst in Stolberg, später in Mayschoß, Schleiden/Gemünd und Blessem unterwegs. In Mayschoß verteilte die Gemeinde Teigtaschen, die unter anderem im Kaarster Jugendzentrum Bebop vorbereitet wurden. Für einige Bewohner war es die erste warme Mahlzeit nach drei Wochen. Zaheer Ahmad, der einen Online-Handel betreibt, hatte Tränen in den Augen, als er das Ausmaß der Flutkatastrophe vor Ort mit eigenen Augen gesehen hat. „Die Flut hat alles mitgerissen. Das war wie im Krieg. Die Menschen haben ihr gesamtes Leben verloren“, erinnert er sich an die schrecklichen Bilder.

Ahmad wurde in Pakistan geboren und ist selbst mit seinem Vater nach Deutschland geflüchtet. Dieser wollte sich nur ein bisschen Geld verdienen, um in Pakistan einen Traktor kaufen zu können. „Wir wissen, wie es ist, in Armut zu leben“, sagt der 45-Jährige. In Deutschland sei er mit offenen Armen empfangen worden. Deshalb sieht er es als seine Pflicht an, für die Mitmenschen zu sorgen. „Erst dann bin ich ein guter Gläubiger“, sagt er.

Täglich ist Ahmad morgens zwischen 6 und 7 Uhr in Kaarst losgefahren und kam erst zwischen 22 und 23 Uhr zurück. Zu der körperlich anstrengenden Tätigkeit vor Ort kamen täglich rund 150 Kilometer Autofahrt hinzu. Es gab Tage, an denen Ahmad und die anderen Helfer nichts gegessen haben außer einem Sandwich von einer Tankstelle. Nach drei Monaten fiel Zaheer Ahmad zu Hause einfach um. Sein ganzer Körper begann zu zittern. „Da hat meine Familie mir eine Zwangspause verordnet“, sagt er. Es sei eine extreme Zeit gewesen, doch er habe rückblickend das Gefühl, dass er noch mehr hätte machen können. „Das war es auf jeden Fall wert“, so Ahmad.

Mittlerweile ist seine „Mannschaft“ nicht mehr so groß wie zu Beginn, sie besteht nur noch aus Fachkräften, die im Ahrtal heute gefragt sind. Er selbst würde weiter helfen fahren, wenn er könnte. „Alles, was durch die Helfer gemacht werden konnte, ist gemacht“, sagt Ahmad. Vor Ort sehe es mittlerweile besser aus, die Straßen seien wieder sauber und die Betroffenen seien „sehr erleichtert“. Die Helfer kamen aus allen Teilen Deutschlands, und diese Hilfsbereitschaft in der Katastrophe beschreibt Ahmad als „sehr schön“. Auch heute noch steht er in Kontakt mit einigen Betroffenen, telefoniert regelmäßig mit ihnen oder schreibt Whatsapp oder Emails. Das Gefühl, Menschen zu helfen, könne durch „kein Geld der Welt“ ersetzt werden, erklärt er. Zusätzlich zu der Hilfe vor Ort kamen beim jährlichen Wohltätigkeitslauf der Gemeinde rund 25.000 Euro zusammen, die ebenfalls dem Ahrtal zugute kommen.

Eine Sache kritisiert Ahmad allerdings: die Bürokratie selbst in einer solchen Notsituation. „Da müssen andere Regeln her, man muss deutlich schneller ans Ziel kommen“, sagt er.

Die Koffer für den Urlaub stehen immer noch gepackt zu Hause. Die Familie Ahmad versucht nun in den Osterferien noch einmal, endlich die verdiente Ruhe im Schwarzwald zu genießen.