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Kaarst: Missbrauchsvorwürfe gegen früheren Pfarrer Winfried Pilz

Winfried Pilz war auch Chef der Sternsinger : Missbrauchsvorwürfe gegen früheren Pfarrer aus Kaarst

Winfried Pilz, von 1989 bis 2000 Pfarrer in Kaarst und später Chef des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“, soll in den 70er Jahren einen jungen Mann sexuell missbraucht haben. Mögliche weitere Opfer sollen sich nun melden.

In Kaarst, wo er von 1989 bis 2000 Pfarrer an St. Martinus war, galt er als hochgeschätzt, wurde als „außergewöhnlicher Prediger“ und „tiefgläubiger Seelsorger“ bezeichnet, auch als späterer Präsident des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ in Aachen machte er sich einen Namen als Gestalter mit Charisma. Ein Bild, das in Anbetracht einer Mitteilung des Erzbistums Köln schwer ins Wanken gerät. Denn: Wie aus dem Schreiben hervorgeht, wird Winfried Pilz (2019 gestorben) beschuldigt, einen schutzbedürftigen Erwachsenen in den 70er-Jahren sexuell missbraucht zu haben. Die betroffene Person hatte sich im Jahr 2012 an das Erzbistum Köln gewandt. Daraufhin wurde seitens des Erzbistums ein Verfahren eingeleitet und das Ergebnis der Untersuchung der Glaubenskongregation in Rom übermittelt.

Im Laufe des Verfahrens, so das Erzbistum Köln, konnte aufgrund fehlender Erinnerung der betroffenen Person zwar nicht abschließend geklärt werden, ob sie zum Tatzeitpunkt das 18. Lebensjahr bereits vollendet hatte. Da die Person aber im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses für Pilz tätig war, handelte es sich in jedem Fall um einen schutzbedürftigen Erwachsenen. Weil sich der Vorwurf im Zuge der Untersuchung teilweise bestätigte, erteilte Kardinal Joachim Meisner dem früheren Kaarster Pfarrer im Februar 2014 einen Verweis und erlegte ihm eine Geldstrafe auf. Zusätzlich wurde Pilz, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Ruhestand befand, der Kontakt mit Minderjährigen ohne Anwesenheit weiterer erwachsener Personen verboten.

 Winfried Pilz war von 1989 bis 2000 Pfarrer an St. Martinus in Kaarst.
Winfried Pilz war von 1989 bis 2000 Pfarrer an St. Martinus in Kaarst. Foto: Berns, Lothar (lber)
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Im Zuge der Aufarbeitung des Erzbistums Köln wurde der Fall im Jahr 2018 der zuständigen Staatsanwaltschaft nachgemeldet, die aufgrund bereits eingetretener Verjährung keine Ermittlungen aufnahm. Im Jahr 2021 ergaben sich Hinweise auf mögliche weitere Betroffene, denen die Stabsstelle Intervention nach eigenen Angaben nachgegangen ist. Da Pilz zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben war und seine Tätigkeit sich weit über das Erzbistum Köln hinaus erstreckte, wiesen die Recherchen „eine hohe Komplexität auf“, so das Erzbistum.

„Auch wenn bei bereits verstorbenen Beschuldigten eine abschließende Klärung nur in seltenen Fällen möglich ist, sieht sich das Erzbistum Köln den Betroffenen von sexualisierter Gewalt gegenüber in der Pflicht, allen Hinweisen nachzugehen, um den Sachverhalt möglichst umfänglich zu klären“, so das Erzbistum. Aus diesem Grund ermutigen und bitten die Verantwortlichen Betroffene und/oder Zeugen – auch aus Kaarst –, sich im Zeitraum vom 2. bis zum 10. Juli an folgende externe Ansprechpersonen zu wenden: Tatjana Siepe (0172 290 1248) oder Peter Binot (0172 290 1534).

Ulrich Eßer, leitender Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Kaarst-Büttgen, zeigt sich auf Nachfrage unserer Redaktion geschockt über die Nachricht: „Es ist ein entsetzliches Gefühl, dass es auch in Kaarst Betroffene geben könnte.“ Es falle ihm im Moment sehr schwer, angemessene Worte zu finden. „Das Leiden von Betroffenen vermag ich nicht zu ermessen, sondern kann nur hoffen, dass durch die Veröffentlichung und den Aufruf nicht alte Wunden aufreißen und Retraumatisierungen entstehen“, so Eßer. Die 2021 beschlossene Selbstverpflichtung als Pfarreiengemeinschaft, wonach das Leid von Betroffenen der Ausgangspunkt von Aufklärung und Intervention sein muss, gelte ohne Einschränkung. Am kommenden Wochenende wird der Aufruf des Erzbistums an allen ehemaligen Einsatzstellen des Pastors in den Gottesdiensten verlesen und öffentlich ausgehängt. Dies wird auch in Kaarst der Fall sein, wie Eßer betont. Problem: Gerade jetzt, wo sich mögliche Opfer melden könnten, sei die Pfarreiengemeinschaft am Montag und Dienstag wegen einer IT-Umstellung weder telefonisch noch per E-Mail zu erreichen. Was Eßer betont: Auch nach dem 10. Juli könnten sich mögliche Opfer weiterhin melden.

Ein Mann, der unter Pilz in Kaarst Messdiener war, zeigt sich „schockiert und traurig“ ob der Nachricht aus Köln: „Schade, dass Winfried Pilz sich nicht mehr dazu äußern kann. Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen.“ Die ehemalige Küsterin Gertraud Schümchen bringt der Gedanke an Missbrauchstaten durch Winfried Pilz fast „um den Verstand“. Sie leide sehr darunter. Für sie bleibt das Gute in Erinnerung und sie schätzt die Arbeit von Winfried Pilz weiterhin wert: „Er verfügte über eine hohe soziale Kompetenz, war ein Menschenfischer, hatte Charisma und Ideenreichtum in Fülle. Das darf nicht vergessen werden“, meint sie. 

Auch die ehemalige Haushälterin des Pastors (Name bekannt) äußert sich im krassen Kontrast zu den Missbrauchsvorwürfen. Pilz sei ein „toller Mensch“ gewesen, sagt sie. Gemeindemitglied Werner Winkes denkt seit Bekanntwerden der Vorwürfe an „fast nichts anders mehr“, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion betont. Er könne es „nur schwer glauben“, sagt er. Winkes unternahm mehrere Reisen gemeinsam mit Winfried Pilz: zwei Mal nach Israel, nach Tours auf den Spuren des Heiligen Martin und nach Prag. „Es gab nie die Spur einer Vermutung“, sagt Winkes angesichts der Vorwürfe, der auch bei der Herausgabe des Pfarrmagazins „Lebendige Gemeinde“ mit dem Beschuldigten zusammen arbeitete.