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Kaarst: Kunstcafé Einblick entwickelt Ideen für Menschen mit Behinderung

Kunstcafé Einblick in Kaarst : In der Vor-Weihnachtsbäckerei

Zwar hat das Kunstcafé Einblick für Gäste nicht geöffnet, in der Einrichtung wird aber trotzdem gearbeitet. Brigitte Albrecht hat Ideen entwickelt, um den Menschen mit Behinderung einen strukturierten Tagesablauf zu bieten.

Aktuell gleicht das Kunstcafé Einblick einer vorweihnachtlichen Backstube, in der es fast geräuschlos zugeht: Konzentriert arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen Hand in Hand. An fünf Tischen, genannt Stationen, sitzen die eifrigen Bäcker verteilt mit genügend Abstand. Stefan, Lisa und Alexander verzieren die vor ein paar Tagen gebackenen Mürbeteigplätzchen – weihnachtliche Motive wie Tannen, Monde, Engel und Elche werden langsam bunt. In Schüsselchen haben sie zuvor Zuckerguss Marke „Royal Icing“ mit individuell ausgewählten Farben gemixt: Eine „voll geile Farbe“ ist für Stefan rosa – und mittels Flaschen trägt er den Guss exakt auf: Hier kommt ihm seine Modellbauerfahrung zugute, verrät er.

An einer anderen Station rollen Julius und Kati, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, hingebungsvoll Rumkugeln: „Das sind einfach übrig gebliebene und zerkleinerte Kuchenreste meiner Motivtorten, die ich mit Rum gemischt habe“, erzählt Brigitte Albrecht schmunzelnd. Die ehrenamtliche Geschäftsführerin des Kunstcafés Einblick hat alles im Blick, verteilt neuen Zuckerguss und gibt Tipps zum Verzieren der Plätzchen mit bunten Mini-Liebesperlen. An den anderen Tischen wird neuer Mürbeteig geknetet, bekommen Makronen mit Schokoladenguss den letzten Schliff und Nadine überträgt benötigte Zutaten aus einem handgeschriebenen Rezeptheft ihrer Schwester. Alle genießen die ruhige und gleichzeitig betriebsame Atmosphäre und sind mit viel Spaß bei der Sache. Das Café ist seit dem 2. November geschlossen: „Arbeit ist verboten, aber nicht etwas gemeinsam zu machen – gerade im Arbeitsbereich von Menschen mit Behinderung sehr wichtig“, sagt Brigitte Albrecht.

Im ersten Lockdown im Frühjahr hat sie beobachtet, welche Auswirkungen die Schließung von März bis August hatte: Es gab große Probleme für die Menschen mit Behinderungen, denn die feste Tagesstruktur durch die Arbeit im Café fiel weg. Nach fünf Tagen verloren sie bereits die Basisqualifikationen. Denn die Wohnhäuser durften sie wegen der Infektionsgefahr nicht verlassen. Das durfte nicht noch einmal passieren, schwor sich Brigitte Albrecht und entwickelte nun für den derzeitigen „Lockdown light“ Ideen für einem geregelten Tagesablauf: Von halb neun bis elf Uhr wird täglich gebacken und demnächst getanzt: Das seien arbeitsbegleitende Maßnahmen, denn so müssten die Mitarbeiter morgens aufstehen, sich fertigmachen und wegfahren. Und bleiben nicht einfach liegen, erklärt Brigitte Albrecht mit Augenzwinkern.

Die Plätzchen und schon fertig gestellte gebrannte Mandeln werden demnächst durch den benachbarten Friseur zum Verkauf angeboten, der extra einen Teil seiner Vitrine freiräumt. Und nach dem Backen wird der „Jerusalema-Tanz“ eingeübt und soll auf dem Rathausplatz vorgeführt werden: „Ich möchte verhindern, dass das Thema Inklusion aus dem Blickfeld gerät“, erklärt Brigitte Albrecht. Das nächste Projekt ist auch schon in Vorbereitung: eine professionelle Farb- und Stilberatung mit Alltagstauglichkeit für die Menschen mit Behinderungen, die damit für ihr äußeres Erscheinungsbild sensibilisiert werden sollen. Sobald die lokalen Kosmetiker wieder arbeiten dürfen, geht es los. Das Ergebnis wird in einer Broschüre zu sehen sein, die zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht wird. Bis dahin wird fleißig weiter gebacken.