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Kaarst: Karim Dalati steht für gelungene Integration

Karim Dalati flüchtete aus Aleppo nach Kaarst : „Ungewissheit macht mich wahnsinnig“

2015 ist Karim Dalati aus Syrien geflüchtet. Seine Geschichte zeigt, wie Integration gelingen kann, wenn sich beide Seiten Mühe geben.

Gegenüber sitzt ein junger Mann mit langen, schwarzen Haaren und schwarz lackierten Fingernägeln. Dass er aus Syrien stammt, sieht man ihm nicht auf den ersten Blick an. Und man merkt es auch nicht, als er seine Geschichte erzählt, weil sein Deutsch nahezu perfekt ist für den kurzen Zeitraum von fünf Jahren, den er hier ist. Denn bevor er 2015 die Flucht aus Aleppo ergriff, sprach er kein Wort Deutsch. Das änderte sich, als er nach Kaarst kam

Karim Dalati steht auf dem Rathausplatz. Er ist glücklich, in Kaarst gelandet zu sein und mag die Stadt. Foto: Tinter, Anja (ati)

Die Geschichte von Karim Dalati könnte auch als Drehbuch für einen Film über gelungene Integration herhalten. Doch als Paradebeispiel dafür sieht der 25-Jährige sich selbst nicht. „In bestimmten Situationen habe ich noch immer das Gefühl, ein Fremder zu sein. Ich sehe mich selbst als Gast hier“, sagt er. Vor allem seine ungewisse Situation macht ihm zu schaffen. Seine Aufenthaltserlaubnis läuft im März ab, Ende Februar hat er einen Termin bei der Ausländerbehörde. Dann wird sein Bleiberecht sehr wahrscheinlich um ein Jahr verlängert. Doch diese Situation wurmt ihn. „Ich würde gerne eine Sicherheit haben, zumindest bis nach dem Studium hier bleiben zu dürfen“, sagt er. Sein Jura-Studium in Syrien hat Dalati im sechsten Semester abgebrochen und ist aus Angst davor, zum Militär gehen zu müssen, geflohen. Über die Türkei, Italien und die Schweiz ist er Ende Mai 2015 nach Deutschland gekommen und hat sich bis dahin ganz alleine durchgeschlagen. „Ich wusste nicht, ob die Flucht gut oder schlecht ist und was mich in einem fremden Land erwartet. Das Unwissen war stärker als die Angst“, schildert er seine Gefühle während der Flucht.

Karim Dalati wohnte in einer Flüchtlingsunterkunft in Vorst. „Das Wichtigste war am Anfang für mich, die Sprache zu lernen. Das war schwierig“, gesteht er. Karim Dalati hatte Glück, dass der Rotary-Club ihm einen Intensiv-Kursus finanzierte. „Die haben viel Geld in mich investiert, dafür bin ich ihnen dankbar“, sagt er. Da er englisch und arabisch sprechen konnte, nahm er einen Job bei der evangelischen Jugend- und Familienhilfe an und arbeitete sonntags als Übersetzer für junge Flüchtlinge. Als die Flüchtlingswelle abebbte, wurde Dalatis Vertrag nicht verlängert.

Durch die Hilfe von Ursula Baum, Vorsitzende der damaligen Kaarster Flüchtlingshilfe, kam er in Kontakt mit dem Möbelhaus Ikea und begann dort einen Minijob. Kurz vor dem Umzug von Ikea wurde aus dem Minijob ein Vollzeit-Job, der in eine Ausbildung mündete. „Ich hatte am Anfang ein negatives Ego und dachte, ich hätte mit 22 schon Anwalt sein können, da brauch ich keine Ausbildung“, gesteht Dalati. Doch dann hat er erkannt, dass die Ausbildung doch nicht die schlechteste Entscheidung war. Im ersten Lehrjahr war er in der Schule sehr zurückhaltend und hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Doch dann fand er den Mut, sich einzubringen. Dadurch wurden Dalatis Noten immer besser, er verkürzte die Ausbildung von drei auf zweieinhalb Jahre. Im Januar hat er sein Abschlusszeugnis erhalten – mit Top-Noten. Ikea hat ihm sogar angeboten, ein Studium zum Betriebswirt zu beginnen.

Dalati zögerte nicht und wird voraussichtlich 2023 fertig sein – wenn er solange bleiben darf. Das ist seine größte Angst. „Die Ungewissheit, wie es weitergeht, macht mich wahnsinnig“, sagt er: „Ich habe schon einmal neu angefangen und möchte das nicht noch einmal erleben.“ Die Integration in Kaarst habe ihn verändert. „Ohne die Hilfe der Deutschen wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin“,  sagt er.