Kaarst: Hausbesuch beim zweifachen Handball-Weltmeister Ion Popescu

Zweifacher Handball-Weltmeister Ion Popescu : „Der Sport hat uns alle Türen geöffnet“

Ion Popescu hat mit Rumänien zweimal die Handball-Weltmeisterschaft gewonnen. Ein Hausbesuch beim ehemaligen Linksaußen.

Ion Popescu kommt uns auf der Straße entgegen. „Wen suchen Sie?“, fragt er noch ein wenig misstrauisch. Als wir dann am Wohnzimmertisch sitzen, ist dieses Misstrauen von jetzt auf gleich verflogen. Popescu bietet Süßigkeiten an, es gibt Kaffee. „Greifen Sie zu“, sagt er freundlich.

Popescu lebt seit mehr als 30 Jahren in Kaarst. 1985 ist er wegen seines Sohnes nach Büttgen gekommen, der damals als Tennis-Talent für den Bundesligisten TC Blau-Weiß Neuss gespielt hat. Nach Deutschland ist er bereits 1976 gekommen, um als Handball-Trainer zu arbeiten. Der Diplom-Sportlehrer war von 1982 bis 1983 als Trainer des Bundesligisten TuS Hofweier angestellt, ehe er nach Büttgen kam.

Vor seiner Zeit in Deutschland trainierte er die Männer- und die Frauen-Nationalmannschaft Tunesiens. „Nach dem Ende meiner Karriere bei Steaua Bukarest durfte ich nach Afrika ausreisen, weil Rumänien einen Kooperationsvertrag mit Tunesien hatte“, sagt er. Und die Erfolge mit Tunesien können sich sehen lassen: Er wurde mit der Mannschaft Afrika-Meister und qualifizierte sich so für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal. Dort kam es allerdings zum Boykott von 22 afrikanischen Staaten, nachdem sich diese für den Ausschluss Neuseelands von den Spielen ausgesprochen hatten, da dessen Rugby-Mannschaft für ein Spiel in den Apartheidsstaat Südafrika gereist war. „Wir haben die ersten beiden Spiele verloren, das dritte wäre dann gegen mein Heimatland Rumänien gewesen. Leider mussten wir uns dem Druck beugen und sind aus dem Turnier ausgestiegen“, erinnert sich der 77-Jährige.

In seiner aktiven Zeit galt Ion Popescu als einer der besten Linksaußen der Welt, wenn nicht sogar der beste. Seine Stärken? „Ich war flink und wendig“, sagt er: „Heute ist das Spiel viel körperlicher. Bei uns gab es höchstens ein, zwei Spieler, die über 1,90 Meter waren.“ Dabei begann Popescus Handball-Karriere erst mit 15 Jahren. Sport war ihm da allerdings nicht fremd, er war ein passabler Fußballspieler und auch ein recht guter Leichtathlet. „Wir haben im Schulsport Handball gespielt. Ich hatte einen guten Wurf und mein Lehrer hat mein Potenzial erkannt“, sagt er. So ging es dann Schritt für Schritt nach oben in der Karriereleiter. Bei einem Turnier der Schulauswahl wurden Scouts auf den Rechtshänder aufmerksam, mit 16 Jahren spielte Popescu in der Junioren-Nationalmannschaft. Kurz vor der Weltmeisterschaft 1961 in Deutschland erlebte er allerdings eine seiner zwei bittersten sportlichen Enttäuschungen. Nach einem dreimonatigen Lehrgang mit der Nationalmannschaft, bei dem 40 Spieler teilnahmen, wurde kurz vor dem Turnier der 14-köpfige Kader berufen. „Der Trainer hat mir damals gesagt, ich bin die Nummer 15. Da war ich schwer enttäuscht, vor allem nach diesem harten Lehrgang. Aber das war auch gleichzeitig eine Motivation für mich, noch besser zu werden“, sagt er.

Popescu zeigt eine Urkunde des rumänischen Verbandes. Foto: Tinter, Anja (ati)

Und so schaffte er es doch ganz an die Spitze. In den Jahren, in denen Rumänien den Welthandball dominierte, wurde er zweimal Weltmeister – 1964 in Prag und 1970 in Paris. 1967 gewann er zudem Bronze. Und beide Titel bedeuten ihm sehr viel. „Das hat uns damals alle Türen geöffnet. Wir durften als Spitzensportler ins Ausland reisen, dieses Privileg hatten sonst nur Politiker“, erinnert er sich. Für seine Erfolge wird er noch heute einmal im Jahr vom rumänischen Verband eingeladen, das macht ihn „sehr stolz“. Als er von seiner zweiten Enttäuschung spricht, merkt man ihm an, wie sehr ihn diese noch heute trifft. Im letzten Vorbereitungsspiel auf die Olympischen Spiele 1972 in München prallte er mit einem Gegenspieler zusammen und verletzte sich schwer. „Da ist für mich ein Traum geplatzt. Ich wollte unbedingt als Spieler einmal zu den Olympischen Spielen, aber es sollte nicht sein“, sagt er. Diesen Traum hat er sich dann als Nationaltrainer Tunesiens erfüllt – auch wenn nur für zwei Spiele.

Bis zu seinem 70. Lebensjahr arbeitete Popescu an einer Realschule in Grevenbroich und am Marie-Curie-Gymnasium in Neuss als Sportlehrer – und alle Schüler wollten zu ihm. „Ich glaube, sie hatten vor mir mehr Respekt, weil ich als Handballspieler große Erfolge gefeiert habe“, sagt er. In Kaarst fühlt er sich pudelwohl und will hier gar nicht mehr weg. „Ich fühle mich hier zu Hause“, sagt er. Das Handball-Geschehen verfolgt er nach wie vor. Und wie schneidet die deutsche Mannschaft bei der aktuell laufenden WM ab? „Ich glaube, sie hat gute Chancen, weit zu kommen. Wenn sie das abruft, was in ihr steckt, muss man sie erst einmal schlagen“, sagt er zuversichtlich.