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Kaarst: Bassam Tibi – scharfsinnig, amüsant, direkt

Vortrag in der Rathausgalerie in Kaarst : Bassam Tibi: Scharfsinnig, amüsant, direkt

Rund 110 Besucher lauschten gespannt dem Vortrag des Wissenschaftlers in der Rathausgalerie.

Er ist ein Kosmopolit: Bassam Tibi ist in Damaskus aufgewachsen, kam 1962 für sein Studium nach Deutschland, wurde mit 28 Jahren Professor für Internationale Beziehungen an der Uni Göttingen. Auf allen fünf Kontinenten lehrte und forschte der inzwischen emeritierte Wissenschaftler, war in 22 islamischen Ländern tätig. „Ich bin ein hybrider Mensch, also ein Mensch mit verschiedenen Kulturen, islamisch sozialisiert“, sagte der 75-Jährige in der Rathausgalerie, wo er im Rahmen der Reihe „Dialog Zukunft“ über „Islamische Zuwanderung und ihre Folgen“ sprach.

Gebannt folgten die etwa 110 Besucher den teils sehr direkten, teils amüsanten, auf jeden Fall aber scharfsinnigen Gedanken von Tibi, der bereits vor 17 Jahren erstmals in Kaarst aufgetreten war. Wiederum ein paar Jahre zuvor hatte er einen Aufsatz veröffentlicht und darüber den Begriff der „europäischen Leitkultur“ in den politikwissenschaftlichen Diskurs eingeführt. „Ich meine damit keine Leitkultur wie Friedrich Merz sie später nutzte, sondern eine Hausordnung, eine Werteorientierung“, so Tibi. Die säkulare Demokratie steht dabei im Mittelpunkt, Muslime und Nicht-Muslime über eine Bürgeridentität verbunden im Sinne des französischen Begriffs citoyen.

Statistiker prognostizieren für 2050, dass der islamische Anteil bei 20 Prozent der deutschen Bevölkerung liegen werde, so Tibi. „Wir Muslime haben aber andere Werte und Normen als Sie“, sprach er das Publikum direkt an. Zudem gebe es keinen einheitlichen Islam. Ob in Syrien, im Libanon, in Ägypten, im Senegal oder in Indonesien – alles Länder, in denen Tibi gelebt und gearbeitet hat – überall werde der Islam anders ausgelegt und gelebt. In Kamerun, Nigeria und Ghana etwa habe er den afrikanischen Islam kennengelernt. Dadurch entstand seine Vision von einem Euro-Islam. Er hat auch klare Vorstellungen, wie dieser aussehen sollte: „Wir brauchen einen liberalen Islam. Einen Islam, der Vielfalt erlaubt und grundgesetz-kompatibel ist“, stellte Tibi klar. Doch für diese Idee des liberalen Islam engagieren sich nur einige tausend Muslime in Deutschland. Zu wenige bei rund sechs Millionen Muslimen in der Bundesrepublik.

Islamverbände wie der Zentralrat der Muslime – laut Tibi eine Organisation des politschen Islam – und die Ditib stehen dagegen für ein Islamverständnis, das er nicht akzeptieren kann. Manche muslimische Organisationen seien sogar verfassungsfeindlich. Es gebe zwar im Grundgesetz die Freiheit des Glaubens. „Für den politischen Islam gibt es jedoch keinen Schutz, denn er ist das politsche Konzept eines Scharia-Staates“, so Tibi.