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Kaarst: Balkonkonzerte als Ventil in der Krise

Kaarster singen für Nachbarschaft : Balkonkonzerte als Ventil in der Krise

Die beiden Kaarster Musiker Ralf Schüller und Chris Kauffmann geben während der Corona-Krise Balkonkonzerte für ihre Nachbarn und sich selbst. Für sie ist Musik ein Ventil, um die schwierige Phase durchzustehen.

Ohne Musik kann Ralf Schüller nicht leben. Nachdem er wegen der Corona-Krise nicht mit seinen Bands proben darf, hat er sich dazu entschlossen, nach italienischem Vorbild auf seinem Balkon zu singen. Für die Nachbarschaft – und für sich selbst. „Singen ist für mich ein Ventil, Dinge zu verarbeiten. Deshalb sind bei meinen Balkonkonzerten oft emotionale Stücke dabei“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Nicht umsonst war der erste Song einer der emotionalsten, die es überhaupt gibt: „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Dass Ralf Schüller singen kann, beweist er mit seinen Bands „Jolly Family“ und „4besetzt“ oder bei anderen Musikprojekten.

Die Entscheidung dafür, ein paar Lieder auf seinem Balkon zu singen, ist kurzfristig am Tag nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Kontaktsperre verhängt hatte gefallen. Da er das technische Equipment sowieso zu Hause hat, versuchte Ralf Schüller es einfach mal. Und die Resonanz hat ihn beeindruckt. „Ich habe nur positive Reaktionen erhalten“, sagt er. Auch seine Vermieter freuen sich immer, wenn er probt oder seine Balkonkonzerte gibt, genau wie die Nachbarn. Schüller, der hauptberuflich im Außendienst bei einer Spedition tätig ist, tritt dreimal pro Woche auf seinem Balkon für jeweils zehn bis 15 Minuten auf. „Wenn ich das jeden Tag machen würde, wäre das für die Nachbarn zu viel“, sagt er. Schüller streamt seine Konzerte bei Facebook live und erreicht damit zwischen 80 und 200 Menschen – so können alle dabei sein, nicht nur seine Nachbarn im Blumenviertel. Das letzte Video hatte mehr als 4000 Aufrufe. „Eine solche Ablenkung ist sehr wichtig. Zwar gucke ich Nachrichten, aber irgendwann reicht es auch. Irgendwann geht man kaputt“, sagt Schüller.

Auch sein Freund Chris Kauffmann, wohnhaft in einem Haus mit 63 Parteien am Tilsiter Weg, ist auf den Geschmack gekommen. Er hat die ersten Balkonkonzerte in Italien gesehen, wollte den Trend aber erst einmal nicht mitmachen. Nachdem Ralf Schüller und einige andere Freunde aber anfragten, wann es denn etwas von ihm zu hören gibt, entschied er sich doch dazu, es mal auszuprobieren. Und das hat sich gelohnt. „Die Resonanz war weitaus größer, als ich dachte“, sagt Kauffmann: „Mein Briefkasten war voll mit Dankesschreiben und kleinen Aufmerksamkeiten der Nachbarn.“ Teilweise seien die Menschen, die bei Kauffmann im Haus wohnen, ganz alleine zu Hause. Deshalb sind die Konzerte eine willkommene Abwechslung vom langweiligen Alltag. „Die Menschen genießen die Augenblicke und freuen sich, andere Nachbarn zu sehen. Und sei es auch nur für ein kurzes Winken von Balkon zu Balkon“, sagt Kauffmann.

Für Freitag (4. April) hat Kauffmann sein nächstes Konzert geplant, Schüller war bereits am Donnerstag wieder von seinem Balkon aus zu hören. „Musik ist etwas Wundervolles. Sie kann Trost spenden, Abwechslung geben, Lebensfreude erwecken oder einfach nur Emotionen schenken“, sagt Kauffmann: „Ein Balkonkonzert spendet einen kleinen Funken Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels.“

Sobald die erste Kritikwelle unter den Livestreams von Ralf Schüller losbricht, will er aufhören, seine Konzerte bei Facebook zu übertragen. „Das würde mir nur für diejenigen Leid tun, die es sehen wollen“, sagt er. Zugleich ruft er dazu auf, dass weitere Künstler sich trauen, Musik für die Menschen in dieser schwierigen Zeit zu machen. „Wir haben so viele gute Musiker in Kaarst, da könnten noch mehr mitmachen“, sagt er.

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