Kaarst: Aktion "Kirche im Sarg" macht nachdenklich

Evangelische Kirche in Kaarst : „Kirche im Sarg“ macht nachdenklich

Aktion der evangelischen Kirchengemeinde auf dem Kaarster Marktplatz zeigt deutlich: Jeder ist Kirche.

Böiger Wind fegte am Samstag Vormittag über den Kaarster Wochenmarkt und schuf ein passendes Szenario für eine provokante Aktion der evangelischen Kirchengemeinde: „Die Kirche im Sarg“ lautete der an einem Pavillon angebrachte Schriftzug. Die Witterung schien ein Zeichen für die stürmischen Zeiten zu sein, denen die Kirche aktuell ausgesetzt ist. „Oder das ist schon der Heilige Geist“, meinte Pfarrerin Annette Marianne Begemann angesichts des bevorstehenden Pfingstfestes lachend. Eine „Traueranzeige“ informierte über den Tod der Kirche: „Wer sie noch ein letztes Mal sehen möchte, kann dies heute in unserem Pavillon tun“. Und viele neugierig Gewordene – rund 80 Leute, so Pfarrerin Begemann – betraten das kleine Zelt und zuckten erst mal zurück.

Denn dort stand nur ein schlichter, mit einer einzelnen Blume geschmückter (echter) Sarg aus Kiefernholz. „Öffnen Sie die kleine Klappe oben am Deckel“, forderte Ehrenamtler Rainer Geisel die Interessierten auf. Im Innern befand sich ein Spiegel – jeder sah sich selbst. Denn jeder von uns sei Kirche, so Pfarrerin Begemann, und könne und solle sich nach seinen Fähigkeiten einbringen. Kirche lebt von Gemeinschaft und kann nur so dem Schicksal entgehen, im Sarg zu landen. Der Sarg symbolisierte die Endlichkeit – sowohl die der Menschen und die der Kirche. Wobei die Aktion bewusst keinen Unterschied zwischen evangelischer und katholischer Konfession machte. Denn beide bilden sowohl eine Interessen- als auch eine Schicksalsgeschmeinschaft: Die Zahl der Austritte steigt, viele junge Leute nennen als Grund die Kirchensteuer.

Die Aktion kam bei den Besuchern richtig gut an: „Super“ war zu hören. „Das rüttelt auf“, sagte Barbara Günther, nachdem sie ihr Spiegelbild gesehen hatte. Auch Edith und Guido Stelzer hatten beim Öffnen der Sargklappe nicht erwartet, ihre eigenen Gesichter zu sehen. „Ich bin Kirche“, kommentierte Edith Stelzer und erfasste damit sofort die Intention des Ganzen. Die beiden engagierten Mitglieder der katholischen Kirche wünschen sich noch viel mehr ökumenischen Zusammenhalt. Monika Stichling ist aktive evangelische Christin: „Für mich wäre ein Austritt undenkbar“, bekannte sie und freute sich, dass die Aktion auf dem Markt zahlreiche Menschen erreichte. Auch viele Kirchenferne ließen sich auf ein Gespräch mit den Ehrenamtlern und ihr ein, berichtete Pfarrerin Begemann.

Manche Besucher wollten aber lieber den Sarg nicht näher betrachten: Sie hatten kürzlich einen Trauerfall erlebt. Die Seelsorgerin zeigte sich sehr zufrieden über den „ganz guten Zulauf“ und erzählte, dass ein evangelischer Pfarrer während eines Pfingstgottesdienstes die Aktion schon ein Mal durchgeführt hatte. Sie entließ jeden Interessierten mit einem Zettel, auf dem das Gebet eines chinesischen Christen abgedruckt war.

Dessen Quintessenz: Kirche beginnt mit dir und mir – und mit Gottes Hilfe und Unterstützung.

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