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Kaarst: Im Wohnheim leben lernen

Kaarst : Im Wohnheim leben lernen

In der Einrichtung an der Heinrich-Lübke-Straße wohnen psychisch- und suchtkranke Menschen. Dort gewinnen sie immer mehr an Eigenständigkeit zurück und erleben einen von Normalität geprägten Alltag.

Sie haben sich gut eingelebt und bereits das erste Weihnachten zusammen verbracht: Im Haus St. Matthias an der Heinrich-Lübke-Straße leben seit August 2011 psychisch- und suchtkranke Menschen, die einen nächsten Schritt zurück in die Eigenständigkeit gehen. Die Einrichtung, bestehend aus einem betreuten Wohnheim mit 16 Plätzen und einem Appartementhaus für acht Bewohner, gehört zum Wohnverbund St. Alexius der Neusser Augustinus-Kliniken.

Die Wohnbedingungen sind angenehm. Alles in hellen Farben frisch gestrichen, es gibt neue Möbel, einen großer Fernseher, Garten und sogar ein Wellnessbad. Im Wohnheim findet eine Betreuung rund um die Uhr statt, eine Hauswirtschafterin kocht gemeinsam mit den Bewohnern das Mittagessen, ein Einkaufsdienst macht — auch unter Mithilfe der Bewohner — Besorgungen. "Es wird ein Alltag gestaltet, der von Normalität geprägt ist", sagt Heimleiter Thomas Bänker. Der sieht zudem vor, dass einige Bewohner arbeiten gehen.

Nachbarn plauschen vor der Tür

In den Appartements leben auch drei Frauen, im Wohnheim zurzeit nur Männer von 25 bis 75 Jahren. Sebastian Kluth ist mit 30 einer der Jüngsten, trägt als Vorsitzender des Heimbeirats dafür viel Verantwortung. "Ich habe kein Problem damit, Kritik zu äußern. Wenn ich dadurch für die anderen Bewohner etwas erreichen kann, fühle ich mich auch besser. Es ist eine schöne Anerkennung, dass die anderen mir das zutrauen", sagt Kluth. Langjähriger Drogenkonsum hat bei ihm eine Psychose verursacht. Seit zwei Jahren lebt er im Wohnverbund. Das Haus St. Matthias, wo er sich eine Zweier-WG teilt, sieht er als sein Zuhause an.

Tobias Kropp ist bereits einen Schritt weiter und lebt in einem Appartement. Die Miete bezahlt er durch seine Arbeit in der Werk- und Begegnungsstätte und bald bei den Gemeinnützigen Werkstätten des Rhein-Kreises Neuss. In seiner 48 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Singleküche versorgt der 25-Jährige sich auch selbst. Kropp leidet unter Angst- und Panikattacken, doch er weiß, dass er jederzeit die Betreuung im Nachbarhaus in Anspruch nehmen kann.

Trotz anfänglicher Bedenken scheint die Einrichtung von der Nachbarschaft inzwischen positiv angenommen. Bei einer ersten Informationsveranstaltung schlug den Betreibern noch Ablehnung entgegen. Später lud man die Bürger zur Grundsteinlegung und zum Richtfest ein, teilweise besuchte man sie auch zu Hause, um ihnen das Konzept zu erläutern. Jetzt bleiben die Nachbarn beim Spaziergang mit dem Hund auch mal für einen kleinen Plausch vor der Tür des Hauses St. Matthias stehen.

(NGZ/rl)