Kaarst: Geschichtsstunde mit Freya Klier

Kaarst: Geschichtsstunde mit Freya Klier

Die Bürgerrechtlerin und Autorin Freya Klier hat Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums aus ihrem Leben in der ehemaligen DDR erzählt. Sie wurde 1987 gemeinsam mit ihrem Mann Stephan Krawczyk ausgebürgert.

Wie gelähmt krallt sich Freya Klier am Lenkrad fest. Sie erlebt Wahnvorstellungen, hat das Bedürfnis gegen einen Baum zu fahren. Nur weil ihr damaliger Mann Stephan Krawczyk beherzt ins Lenkrad greift, überleben die beiden. Es ist eine Geschichte vom 8. November 1987, ein Auszug aus dem Tagebuch "Abreiß-Kalender" von Freya Klier, einer DDR-Bürgerrechtlerin.

Die 62-Jährige war gestern zu Gast im Albert-Einstein-Gymnasium und gestaltete einen Projekttag mit dem Geschichte-Leistungskurs des kommenden Abiturjahrgangs.

Freya Klier, Jahrgang 1950, hat die DDR von ihren Gründungsjahren bis zum Zusammenbruch miterlebt. Dementsprechend ließ der Projekttag alle Jahrzehnte von den 1950er bis Ende der 1980er Jahre passieren. Nach dem Film "Flucht mit dem Moskau-Paris-Express", der die 1950er und frühen 1960er Jahre darstellte, las Freya Klier zunächst ihren Text "Die Haarschneide-Aktion von 1969".

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Nach einem erfolglosen Fluchtversuch direkt nach dem Abitur landete sie im Gefängnis. Später engagierte sie sich als Regisseurin und Autorin in der DDR-Friedensbewegung. Wie sehr Freya Klier als Staatsfeind angesehen wurde, zeigte die schon zu offensichtliche Verfolgung durch die Stasi, mehrere Manipulationen an ihrem Auto oder Mordversuch vom 8. November 1987. Nur drei Monate später wurden Stephan Krawczyk und sie verhaftet. Weil viele westliche Länder Europas ihre Freilassung massiv forderten, bürgerte die DDR Klier und Krawczyk nur drei Wochen später aus.

Eigentlich steckt der Geschichte-LK noch im Thema Nationalsozialismus, der Projekttag diente als Vorbereitung auf eine Berlin-Reise des Kurses. Freya Klier baute aber viele Brücken zum Thema, erzählte, dass sich die DDR zwar als antifaschistisch bezeichnete, aber viele Alt-Nazis deckte. Oft seien sie Stasi-Spitzel gewesen. "Die Rechtsradikalen waren von der Polizei mehr geduldet als die Punker", sagte sie. Die NSU-Affäre aktuell sei nur die "Spitze des Eisbergs", die "Nazi-Gedanken" gebe es noch "an vielen Abendbrottischen".

Die Schüler stellten ihrem Gast viele persönliche Fragen. Die gehörten Erlebnisse waren für sie schwer nachvollziehbar. "Die junge Generation weiß wenig über die Geschichte der DDR. Dabei ist sie auch noch nicht vorbei, wir stecken noch mittendrin", so Freya Klier. Gerade in Ostdeutschland fehle die kritische Intelligenz, sagt sie. Der Zeitzeugen-Besuch am AEG fand im Rahmen einer NRW-Tour der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Freya Klier statt. Für ihre Aufklärungsarbeit erhält Klier in zwei Wochen das Bundesverdienstkreuz.

(stef)
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