Erich Schützendorf nennt in Kaarst Demenz eine Reise ins Anderland

Vortrag im Bürgertreff Kaarst zum Thema Demenz : Demenz als Reise ins „Anderland“

Der Psychologe Buchautor Erich Schützendorf warb für das „Dessert des Lebens“.

Demenzkranke sind Menschen, die eine Reise von „Normalien“ ins „Anderland“ angetreten haben. Dort regieren Fantasie, Spiele, Sinne und vor allem Gefühle wie die des Liebhabens und der Zärtlichkeit. Diese Reise führt vom Verstand weg und erfordert eine völlig neue Kommunikation am besten über Augenkontakt. Pflegekräfte, die „Eroberer aus Normalien“, können mit einer rein funktionalen Betreuung viel falsch machen. Es sind schon provokante Thesen, mit denen Erich Schützendorf bei einem Vortrag im Büttger Treff ein überwiegend weibliches Publikum vertraut machte.

Schützendorf, Jahrgang 1949, war als Pädagoge, Psychologe und Soziologe an der Volkshochschule Krefeld für alle Fragen rund ums Älterwerden zuständig und zugleich Lehrbeauftragter für Soziale Gerontologie. Das „Enfant terrible“ der Altenpflege besuchte schon vor 40 Jahren Menschen mit Demenz in Altenheimen, als sich „noch niemand wirklich für sie interessierte“, so Schützendorf in seinem äußerst launigen und humorvollen Vortrag. Dabei entstanden Filmaufnahmen, die er zwecks genauer Verhaltensanalyse zeigte und dabei tief in die Welt eines Demenzkranken eintauchte:

Dieser Perspektivenwechsel erlaubte einen gänzlich neuen Blick auf die Bewohner von „Anderland“. Die Primärpersönlichkeit bleibe immer erhalten. Eine Frau, die zum Beispiel früher eine ordentliche Hausfrau war, genießt es, im Heim stundenlang den Handlauf an der Wand zu reinigen – eine für sie genau richtige und sinnvolle Tätigkeit. Sie davon abzuhalten und zu einem Angebot des Heims verleiten zu wollen, hält Schützendorf für einen völlig falschen Weg in der Altenpflege. Befreit von allen Zwängen, leben Demenzkranke das, was sie fühlen.

Schützendorf fordert das Recht auf unvernünftige, spielerische Selbstbestimmung. Denn diese Menschen leisten Beiträge zum eigenen Wohlbefinden und entwickeln Bewältigungsstrategien in ihrer veränderten Lebenssituation. Man müsse ihnen etwas zutrauen und sie gewähren lassen, meinte der Fachmann. Er plädierte für ein selbstbestimmtes Handeln der Menschen mit Demenz.

Der Autor zahlreicher Bücher begreift das Alter als Dessert des Lebens und hat für sich selbst schon einen Plan, sollte er die Reise ins „Anderland“ selbst irgendwann antreten: Dort möchte er jeden Tag eine Tafel Schokolade essen. Und nur mit Badehose bekleidet den Sommerregen genießen, wie er es schon als Kind gerne tat.

(keld)
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